Im Schlaglicht Österreich

Erinnerung an Notre-Dame

Erst Vielfalt macht eine Partei wählbar

Es war einer dieser Tage in Brüssel. Im EU-Parlament diskutierten die Abgeordneten die Fischerei-Rechte in der Nordsee, und die Vertreter der angrenzenden Länder duellierten sich, wenn auch ohne Schwerter und Pistolen, doch mit kaum geringerer Heftigkeit.

Ich glaube, es war Frühjahr 2003. Mein Kollege im Parlament, Gerhard Hager, ehemaliger Richter in Wien und Autor zahlreicher Fachwerke der Kriminologie, saß neben mir, und wir hörten gespannt und aufmerksam einem Vertreter von Großbritannien zu, der beklagte, dass die Fischer in seiner Region, früh am Morgen nach der obligaten Tasse Tee, den Ham and Eggs, dem dunklen Stück Blutwurst, den die Engländer »Black Pudding« nennen, der gebratenen Wurst, den »baked beans«, den Tomaten und Kartoffeln, sich aufs Meer wagen und dann nur mehr die spanischen Konkurrenten sehen würden, die schon auf dem Weg nach Hause wären, mit Tanks und Kühlern voller Fische.

Wir beide waren 2002 aus der Fraktion der FPÖ ausgetreten, blieben jedoch als unabhängige Abgeordnete und genossen die Ereignisse im Parlament wie eine Vorstellung der ehemaligen Löwinger-Bühne mit einem Platz am Balkon, etwas weit hinten, aber mit Kopfhörern, über die alles auf Deutsch übersetzt verfolgt werden konnte.

Als wir den vierten Redner aus der Fischereiregion und den dritten Kaffee hinter uns hatten, überlegten wir, was wir am nächsten Tag tun könnten, um einerseits der Verpflichtung der Anwesenheit zu entsprechen, anderseits uns nicht mit verzweifeltem Kaffeekonsum völlig zu ruinieren, als mir der Gedanke kam, einfach den schnellen Zug von Brüssel nach Paris am Morgen zu nehmen und abends wieder zurück zu sein. 

Mein Kollege Hager reagierte mit Empörung auf den Vorschlag und erinnere mich an die Verpflichtungen hier in Brüssel und den Auftrag, den wir von den Wählern bekommen hatten. Es musste auch die Bemerkung von ihm kommen, dass es typisch für meine Einstellung gegenüber Verantwortung und Pflichtbewusstsein sei, also gingen wir wieder zurück ins Plenum und lauschten den nächsten zehn Abgeordneten, die sich über die Menge an Kabeljau beklagten, die ihren Fischern von anderen angeblich geklaut wurden. 

Irgendwann gegen 17:00 Uhr verlor der vor Seriosität fast platzende ehemalige Richter, von anderen ehrfurchtsvoll als Herr Professor Hager angesprochen, die Geduld, und er sagte, fast flüsternd, dass es ja keiner hören könnte: »Also gut, ich halte es hier nicht mehr aus, fahren wir morgen. Aber du bist schuld, wenn das auffliegt!« Ich nahm das gerne auf mich.

Am nächsten Morgen trafen wir uns am Bahnhof in Brüssel und erreichten Paris bereits um elf Uhr Vormittag. Da standen wir nun mit mangelnden französischen Sprachkenntnissen in der Stadt, nach der wir uns gesehnt hatten, wussten nicht, wo wir beginnen sollten und hatten nur etwa fünf Stunden Zeit, um uns auf den Rückweg ins Parlament zu begeben. Ich schlug Gerhard vor, ein Taxi zu nehmen und von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten zu fahren. Er stimmte zu.

Als wir einstiegen, kam mir die Idee, das Taxi einfach für den ganzen Tag zu mieten. Gerhard meinte, ich sei jetzt völlig übergeschnappt, das sei unbezahlbar und im Übrigen werde uns der Taxifahrer einfach bescheißen, unser Geld nehmen und bei der ersten Station, wo er uns abladen würde, einfach verschwinden. Ich riskierte es dennoch und diskutierte mit dem Fahrer, der so gut Englisch wie ich Französisch konnte, und wir einigten uns auf einen Preis, der erstaunlich gering war. Gerhard blieb dennoch misstrauisch.

Aus der spontanen Reaktion auf die langatmigen Reden der Fischereispezialisten in Brüssel entwickelte sich ein wunderschöner Tag in Paris. Der Taxifahrer, dunkelhaarig, aus Algerien kommend, allen negativen Klischees entsprechend wie man sich einen betrügerischen, fremdländischen Taxifahrer eben vorstellt, entpuppte sich als verlässlicher Tour-Guide. Wir begannen beim Centre Pompidou, ich zeigte Gerhard die Rue des Roses im jüdischen Viertel, wo wir beim koscheren Bäcker verschiedene Kuchen ausprobierten, tranken Kaffee auf den Champs-Élysées, aßen zu Mittag in einem herrlichen Restaurant mit genügend Rotwein und erreichten am frühen Nachmittag die Kathedrale Notre-Dame.

Der Fahrer setzte uns jedes Mal ab und wir vereinbarten einen Treffpunkt, wo er pünktlich wartete. Sehr zum Erstaunen von Gerhard, der jede Sehenswürdigkeit mit der Bemerkung betrat, der Fahrer werde nie und nimmer dort sein, wo er uns versprochen hatte zu warten – doch er war dort.

Wir hielten uns lange auf in Notre-Dame, und Gerhard mit seiner unglaublichen Allgemeinbildung erklärte mir aus der christlichen Tradition, beschrieb verschiedene Persönlichkeiten, erzählte aus der Geschichte und Symbolik mehr, als ich je darüber erfahren hatte. Mit seinen Latein-Kenntnissen konnte er jede Inschrift entziffern und übersetzen. Wir gingen von Bild zu Bild, von einem bunten Fenster zum anderen, blieben vor den Altären in den Seitengängen stehen und studierten die Schriften auf alten Gräbern. 

Da gingen nun die beiden freiheitlichen Abgeordneten, einer ein katholischer Richter und der andere ein jüdischer Schriftsteller, durch das christliche Wahrzeichen von Paris und staunten über die Pracht dieser Kirche. Nach der Rue des Roses mit dem jüdischen Bäcker, wo ich ihm die Symbolik der Challah erklärte, diesem Brot, das Juden zu Sabbat essen, bekam ich eine Führung durch Notre-Dame und die Geschichte und Traditionen des Christentums.

Als ich gestern über den Brand las und im Fernsehen die schrecklichen Bilder sah, erinnerte ich mich an diesen Tag in Paris und besonders an den Besuch von Notre-Dame. Eine kurze Zeit in der Geschichte der FPÖ war es möglich, dass so unterschiedliche Individualisten als Vertreter der Partei gewählt wurden. Mit 27,53% der Stimmen war die EU-Wahl 1996 mit einer breit aufgestellten Kandidatenliste aus den verschiedensten Berufen, Kulturen und auch Religionen das bisher erfolgreichste Ergebnis in der Geschichte der FPÖ. Die Bewegung zur Mitte wurde von den Wählern respektiert und geschätzt, und eine echte Chance existierte, das rechte Ecke aufzugeben. 

Seit damals hat sich viel verändert, doch die Ereignisse der letzten Wochen könnten vielleicht Parteifunktionäre daran erinnern, dass nicht die Abschottung in ein politisches Eck neue Wähler überzeugt, sondern im Gegenteil, erst die kulturelle und ideologische Vielfalt eine Partei »wählbar« für die Bevölkerung macht. 

 

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