SCHLAGLICHTER

Du verstehst dieses Land nicht

Helmut Qualtinger und Georg Biron

Photo: Helmut Qualtinger und Georg Biron, Georg Biron / CC BY-SA 4.0

Impfbetrug als Volkssport

Gary, ein Freund aus England rief mich an. Wir kannten uns vom Tennisklub in Guildford, wo ich bis vor zwei Jahren wohnte und dann nach Wien übersiedelte. Einer der Mitglieder war leider verstorben. Wir erinnerten uns mit Anekdoten und bedauerten den Verlust.

Ob ich denn schon geimpft sei, fragt er mich dann. Ich sagte, ich müsste erst melden, dass meine Tochter, die ein Kind erwarte, jetzt bei mir wohnen würde. 

»Was meinst du damit«, fragte er.

Dann beschrieb ich ihm Fantasie und Kreativität, die Menschen hier entwickelt hätten, um an die Impfung zu kommen. Er dachte, es sei ein Scherz, doch ich versicherte ihm, es sei keiner.

Er erklärte mir das britische System. Mit wenigen Ausnahmen wie Ärzte und Krankenschwestern, Bewohner von Altersheimen und Schwerkranke, werde die Bevölkerung nach Jahrgang geimpft. Er wusste, in welcher Woche die Verständigung ihn erreichen würde. Es habe keine Abkürzung und Bevorzugung gegeben. Sein Nachbar, ein Mann mit guten Kontakten, ehemaliges Parlamentsmitglied, habe ebenso gewartet wie seine Putzfrau, und da sie beide dasselbe Geburtsjahr hätten, wären sie auch in derselben Woche geimpft worden.

Nach dem Telefonat verfiel ich in eine nachdenkliche Stimmung, bis mich meine Frau fragte, was los sei. »Das Telefonat hat mir den Tag verdorben«, antwortete ich.

»Mit wem hast du gesprochen?« Fragte sie, und ich erzählte ihr von Gary, wie ich versucht hatte, ihm das österreichische System der Impfverteilung zu erklären.

»Na ja, ist halt dein Land«, sagte sie lachend. Sie ist übrigens Amerikanerin.

»Und, wann kommst du jetzt wirklich dran?« Fragte sie mich. Ich zuckte mit den Achseln. Sie flog schon vor Wochen nach Chicago und bekam sofort einen Termin, hat längst die zweite Impfung und fährt im April nach Florida mit ihren Freundinnen in ein Tennis-Camp.

»Es muss doch möglich sein mit deinen Beziehungen«, sagte sie, und ich antwortete ihr: »Das sagt mir jeder, aber ich schaff es einfach nicht, ich war zu lange weg von diesem Land.«

Ich überlegte, wer von meinen Bekannten bereits geimpft ist. Fast alle sind jünger als ich. Keiner hat eine ernste Erkrankung. Sie erklärten mir stolz, jedoch mit der Bitte, es nicht weiter zu erzählen, wie sie es geschafft hatten, die Impfung zu bekommen. Befreundete Ärzte stellten falsche Diagnosen aus. Manche gaben an, ältere Verwandte zu betreuen. Eine sagte lächelnd, sie kenne da jemanden in einem Krankenhaus, dort sei ›zufällig‹ etwas übrig geblieben. Interessenverbände setzten sich durch. 60-jährige pensionierte Ärzte, Hochschullehrer und Beamte wurden 80- und 90-Jährigen vorgezogen. 

Die kranke Oma betreuen

Im Supermarkt hörte ich einen Dialog vor der Kassa.

»Schreib doch einfach, du musst dich um die Oma kümmern, die ist doch eh schwer krank!« Sagte der Mann in Trainingshosen und mit einer Wollmütze.

»Die hab’ ich doch seit Jahren nicht mehr gesehen«, antwortete die Frau, trotz der Kälte in Holzschlapfen und einer mit Flecken übersäten Schürze unter der offenen Jacke.

»Ist doch egal, kann ja eh keiner überprüfen«, sagte der Mann.

Ich erinnerte mich an das Lied von Bronner und Qualtinger ›Der Papa wird‘s schon richten‹. Es geht um einen erwachsenen Mann, der beschreibt, wie die Väter seiner Freunde sie mit ihren Verbindungen aus aussichtslosen Situationen retten. Ich konnte nie darüber lachen. Es beschreibt so treffend eine infantile Gesellschaft, in der niemand erwachsen sein möchte. Der Ruf nach dem ›Papa‹ geht über in den Ruf nach einer Autorität in einer Institution, die es ›erledigen‹ kann. Man richtet es sich mit Hilfe einflussreicher ›Väter‹. 

Niemand will in der Reihe der Wartenden stehen. Dort fühlt man sich benachteiligt. Sie gehen davon aus, dass man nur bekommt, was einem zusteht, wenn man betrügt, lügt und das System hintergeht – mit Hilfe einer Vaterfigur im System, die ermöglicht, es zu hintergehen. Wie verzweifelte Kinder, die die Klinke des Tors zum Paradies nicht erreichen und jemanden suchen, der größer ist und sie öffnet. Sie fühlen sich hilflos und wurden von Jugend an erzogen, dass nur der Pfad über Beziehungen und Kontakte zum Ziel führt. Denken gar nicht daran, auf legalem und korrektem Weg zu einer Impfung zu kommen, denn Aufzucht und Erfahrung lehrte sie, dass ihnen ewig andere zuvorkommen würden, die sich nicht an die Regeln halten. Es bleibt ihnen sozusagen nichts anders übrig, ist ihnen nicht peinlich, und sie fühlen sich nicht schuldig dabei. Es wird zur Notwendigkeit, zur Notwehr erklärt. Konfrontiert man sie mit Vorwürfen, reagieren sie mit Ärger, Leugnen oder beleidigt sein – des Österreichers liebste Antwort auf Kritik.

Ich konnte sie dem Engländer und der Amerikanerin nicht erklären, diese Denkweise. Warum davon ausgegangen wird, ein geordnetes System würde nur behindern. Eine den Regeln entsprechende Aufteilung benachteiligt, weil jene, die weiter hinten warten, alles nur Mögliche versuchen, um nach vorn zu kommen. 

Endlos sind die Überlegungen, wie man Regeln umgehen könnte und dennoch formal keine Fehler macht. Ordnung ist der Feind. Gerechtigkeit eine nutzlose Verzögerung, und Fairness existiert nur für Idioten. Der ewige ›Sohn‹ aus dem Lied ›Der Papa wird’s schon richten‹ lebt in der Überzeugung, dass es ihm aufgrund der ›Umstände‹ zustehe.

Du verstehst dieses Land nicht

Der Nobelpreisträger Paul Krugman schrieb in der NY-Times, dass die Verzögerung der Bestellung der Impfungen in Europa Tausenden das Leben kosten werde. Was er nicht beschrieb, ist die Verteilungs-Korruption. Ärzte in Niederösterreich forderten Freunde auf, mit ihren Kindern in die Ordinationen zu kommen, um geimpft zu werden. Die paar Achtzigjährigen, die übergangen wurden, enden vielleicht auf der Intensivstation oder auch nicht, wer weiß das schon, und wen kümmert’s. In Wien, Steiermark, Oberösterreich und Vorarlberg drängten sich Beamte, Bürgermeister und Vertreter von Religionsgemeinschaften vor mit der Behauptung, sie seien als ›Eigentümer‹ der Seniorenheime berechtigt, über die Verteilung der Impfungen zu entscheiden. Vorarlberg musste einen eigenen ›Impfaufpasser‹ einsetzen, der Altersheime kontrolliert.

Ich beklagte mich bei einem Bekannten, dass ich mich hier einfach übergangen fühle in diesem absurden Beziehungsnetz. »Was regst du dich so auf«, antwortete er mir. Er sei schon geimpft, ich müsste nur… und auch er begann mir zu erklären, wie man unabhängig von der Alterspyramide zu einer Impfung kommen könnte. Ich hätte keine Lust dazu, antworte ich ihm, es sei beschämend, was sich hier abspiele.

»Ja, wenn du auf ›anständig‹ spielst, musst du halt warten!« Er lachte und fuhr fort: »Du warst zu lang im Ausland, du verstehst dieses Land nicht.« Wie oft hatte ich in den letzten Wochen diesen Satz gehört. Er erinnerte mich an eine andere und doch ähnliche Situation. Als ein Freund vor vielen Jahren eine leitende Position in einem Krankenhaus bekommen wollte und jahrelang von einem Parteifunktionär zum anderen rannte, von einem einflussreichen Beamten zum nächsten, und sich nie sicher war, wer tatsächlich die Macht hätte, ihm diese Position zu verschaffen. Er lief im Kreis wie vor einem sich ständig drehenden Ringelspiel, auf das er nicht aufspringen konnte, und ihm niemand die rettende Hand reichte. Als ich ihn damals fragte, ob es nicht ein objektives Auswahlkriterium für die Besetzung gäbe, antwortete auch er: »Du verstehst dieses Land nicht.«

Je länger ich allerdings auf die Impfung warte, desto mehr zweifle ich an mir selbst. Die Aussichtslosigkeit drängt den Stolz zurück, und meine Standhaftigkeit wird brüchig. Vielleicht unterscheidet mich nur wenig von all den Anderen. Schließlich bin ich trotz vieler Jahre im Ausland hier geboren und aufgewachsen. Warum sollte ich dieses Land nicht verstehen. Was würde ich tun, wenn sich plötzlich eine Möglichkeit ergäbe, vielleicht durch einen Fehler in der Organisation? Ich würde sicherlich zugreifen und zu mir selbst sagen: »Du verstehst dieses Land nicht, aber es ist halt so.«

Zuerst veröffentlicht in NEWS.


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Peter Sichrovsky

Klassische Dilettanten-Karriere, wenig von viel und viel von wenig zu wissen, zu können, nach Studium der Chemie Marketing in Pharmaindustrie, dann Journalist, Schriftsteller, Mit-Gründer des Standards, SZ/Stern Korrespondent in Asien, EU-Parlamentarier, die letzten zehn Jahre Industrie-Karriere in Süd-Ost-Asien, 23 mal übersiedelt und nach Wien, Berlin, New York, München, New Delhi, Singapur, Hong Kong, Manila, Los Angeles und Brüssel in Chicago gelandet. Seit September 2017 lebt Peter Sichrovsky in London.
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