DIE WIENER FRANKENSTEINS

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Photo: Jay Malone, CC-BY 2.0

Die Hollywood-Karriere von Baron Frankenstein

Mary Shelley, die Autorin des berühmten Frankenstein-Romans traf einst in Genf ein Mitglied der Familie Franckenstein, der dort als Botschafter tätig war, und schien so begeistert von ihm gewesen zu sein, dass sie ihren Helden nach ihm benannte. Ein paar Jahrzehnte später lebte Georg Freiherr von Franckenstein, der seine Kindheit in Deutschland und Wien verbrachte, das Schottengymnasium besuchte und nach dem Studium an der Universität Wien in den diplomatischen Dienst des Kaiserreichs eintrat. 

Seine diplomatische Laufbahn führte ihn nach Washington, an den russischen Zarenhof in St. Petersburg und nach Rom. Nach dem Zerfall der Monarchie gehörte er 1919 der Friedensdelegation in Saint-Germain an und kehrte 1920 als diplomatischer Repräsentant der neuen Republik Österreich nach London zurück. Dort arbeitete er 18 Jahre lang als Austrian Minister to the Court of St. James, also als Gesandter der Republik Österreich.

Durch seinen aufwendigen und repräsentativen Lebensstil, insbesondere durch die kulturpolitisch motivierte Veranstaltung von Musikabenden und Maskenbällen, genoss er hohes gesellschaftliches Ansehen in London, wo er – trotz der 1919 erfolgten Abschaffung des Adels in Österreich – weiterhin als »Baron Franckenstein« angesprochen wurde. Am 17. Dezember 1937 nahm ihn König Georg VI. als Knight Commander in den Royal Victorian Order auf.

Mit dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich verlor er im März 1938 seine diplomatische Funktion. Er kehrte nicht in seine Heimat zurück, blieb in London und bekam am 14. Juli 1938 die britische Staatsbürgerschaft. Am 26. Juli 1938 wurde er als Knight Commander des Royal Victorian Order geadelt und führte fortan den Namenszusatz »Sir« Franckenstein und heiratete am 31. Juli 1939 die junge Engländerin Editha Kling. Am 28. Mai 1944 wurde sein Sohn Clement George Freiherr von und zu Franckenstein geboren.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs bot man Franckenstein an, für das Amt des österreichischen Bundespräsidenten zu kandidieren. Dies lehnte er höflich ab angesichts der geringen Chancen – wie er meinte –, in dem sozialistisch geprägten Staat gewählt zu werden.

Sohn Clement, der als britischer Adeliger mit österreichischen Wurzeln in der Londoner High Society aufwuchs, verlor bereits mit neun Jahren seine Eltern, die bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kamen. Er wollte Opernsänger werden, ging 1970 nach Los Angeles, und bekam sein erstes Engagement als singender Heinrich VIII. in einem Restaurant. Doch ausgerechnet sein Name öffnete ihm die Türen zu einer Filmkarriere, die mit einer Rolle in Mel Brook’s »Young Frankenstein« (1974) begann. Es folgten weitere Engagements, darunter »Death Becomes Her« (1992) und in einer anderen Parodie von Brook, »Robin Hood: Men in Tights« (1993). Zu seinen wichtigsten Filmen gehörten »The American President« mit Michael Douglas und Annette Bening und »Hail, Caesar!« mit George Clooney (2015).

In Kalifornien befreundete er sich mit Arnold Schwarzenegger, einem anderen Schauspieler mit österreichischer Vergangenheit, der ihn immer nur »Baron Frankenstein« nannte. Später sah man ihn neben seinen Filmrollen in Dutzenden TV-Serien, doch der große Durchbruch als Schauspieler gelang ihm nicht. 

Erfolgreicher war sein gesellschaftliches und soziales Engagement in der Hollywood-Szene. Er gab Lesungen in Kirchen, engagierte sich im Beverly Hills Cricket Club, übernahm Patronanzen im Zoo von Los Angeles, und es gab kaum eine Organisation oder Gruppe in Los Angeles, wo er nicht Mitglied war oder sogar im Präsidium saß. Sein Leben lang ein Junggeselle und kinderlos, wollte er von allen geliebt werden, und wenn er an einem einzigen Abend in der Woche keinen Termin oder keine Einladung hatte, klopfte er an die Türen von Bekannten und Freunden, um sie zu unterhalten und unterhalten zu werden.

Wo immer er auftrat stand er im Mittelpunkt, mit seiner Kleidung und seiner lauten tiefen Stimme war er nicht zu übersehen. Als begeisterter Spieler verlor er sehr bald das Vermögen seiner Eltern, doch ausgerechnet sein Kindermädchen, dass sich in ihn verliebte, vermachte ihm ihr Vermögen, dass sie völlig unerwartet geerbt hatte. 

»People Magazine« nahm ihn einst in die Liste der 50 wichtigsten Junggesellen der USA auf, und er kündigte immer wieder an, es sei nun an der Zeit eine Ehe einzugehen, doch es kam nie dazu. Vor allem sein Alkoholkonsum zerstörte viele Beziehungen und auch seine Gesundheit. Mehrere Male wachte er nach einer durchzechten Nacht in einem Krankenhaus auf.

Am 28. Mai dieses Jahres starb er, erst 74 Jahre alt, und zu seinem Begräbnis kam die ganze Hollywood-Elite. An der Spitze des Trauerzugs mehrere junge Frauen, die alle behaupteten, sie seien mit Baron Frankenstein liiert gewesen, und man hätte bereits Pläne für die Hochzeit gehabt.


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Über den Autor / die Autorin

Peter Sichrovsky

Klassische Dilettanten-Karriere, wenig von viel und viel von wenig zu wissen, zu können, nach Studium der Chemie Marketing in Pharmaindustrie, dann Journalist, Schriftsteller, Mit-Gründer des Standards, SZ/Stern Korrespondent in Asien, EU-Parlamentarier, die letzten zehn Jahre Industrie-Karriere in Süd-Ost-Asien, 23 mal übersiedelt und nach Wien, Berlin, New York, München, New Delhi, Singapur, Hong Kong, Manila, Los Angeles und Brüssel in Chicago gelandet. Seit September 2017 lebt Peter Sichrovsky in London.

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