DIE WIEDERGUTGEMACHTEN

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Deutschlands Aufarbeitungs-Vorzeige-Gesellschaft ist nur Kulisse

Vor ein paar Wochen sprach ein Journalist des deutschen Magazins STERN im österreichischen Fernsehen. Armin Wolf interviewte ihn in der Nachrichtensendung ZIB 2, und worum es ging war eigentlich gar nicht so wichtig. Doch mitten im Gespräch fiel dieser eine Satz, der in Deutschland so gerne wiederholt wird, etwa sinngemäß so: Wir Deutsche haben uns mit der Vergangenheit beschäftigt und daraus gelernt, mit der Garantie für Europa, dass sich der Nationalsozialismus nie wiederholen werde – Österreich habe die Form der Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte und der Verantwortung versäumt oder aktiv verhindert. Der Journalist brachte als Beispiel die Erinnerung an die Befreiung von Auschwitz, die in Deutschland angeblich entsprechend gewürdigt wurde, in Österreich sei jedoch nicht Vergleichbares geschehen.

Abgesehen davon, dass der Stern-Journalist die Unwahrheit gesagt hatte und von Armin Wolf nicht unterbrochen wurde, obwohl Wolf immer wieder beteuert, dass Unterbrechungen notwendig seien in einem Interview, um Unwahrheiten zu korrigieren oder den Redeschwall des Interviewten abzukürzen, zeigte es in einer faszinierenden Form die Selbstlüge der Deutschen, mit der sie ein Spiegelbild ihrer selbst gestalten – vor allem im Vergleich zu Österreich – und dieses auch noch mit Begeisterung exportieren.

Nun kam es vor ein paar Tagen zu diesen schrecklichen Morden in Hanau durch einen rechtsextremen Fanatiker, der sich fremdaussehende Menschen gezielt ausgesucht hatte, um offensichtlich seinen Hass gegen sie abzureagieren. Zehn Unschuldige starben durch seine Schüsse, die meisten unter ihnen Kurden, die die Türkei verlassen mussten und in Deutschland ein sicheres Zuhause suchten. Die Reaktionen quer durch alle politischen Parteien, religiöse Gruppen und andere Organisationen waren gekennzeichnet von Schock, Trauer und Abscheu gegenüber dem Täter und seiner Ideologie. Wie zu erwarten, kamen die einzigen zweideutigen und relativierenden Bemerkungen von Seiten der ›Alternative für Deutschland‹ (AfD), die anscheinend Schwierigkeiten hatte, die richten Worte zur Tat zu finden, und entsprechend berechtigt waren die empörten Reaktionen darauf. 

Es bildete sich in Deutschland ein Schulterschluss der Demokraten von links bis konservativ, und ohne einander vorher abzusprechen, formte sich eine Gemeinschaft gegen Rechtsextremismus und Gewalt, gegen Rassismus und Diskriminierung. 

Und dennoch, bei all den eindrucksvollen Reden und Reaktionen hatte man das Gefühl, es fehlte etwas – es fehlten die Selbstkritik und das Hinterfragen der eigenen Verantwortung. Die Regierung agierte wie ein Filialleiter eines Supermarkts, in dessen Obstabteilung faule Äpfel entdeckt werden, und der dann mit Empörung und Distanzierung reagiert, als wäre die Obstabteilung nicht auch ein Teil des Supermarkts. 

Schuld und Verantwortung wurden sehr schnell bei der AfD entdeckt, bei Journalisten, die konservative Ideologie verbreiten, bei Kritikern der Asylpolitik und anderen, die nicht sprachlich dem Mainstream der neu-entdeckten deutschen Anständigkeit entsprechen. Die Regierung jedoch übernahm keine direkte Verantwortung, Kanzlerin Merkel fand die schon bei anderen Ereignissen vorgebrachten sicheren und eindeutigen Formulierungen, ohne jedoch auf ihre eigene, persönliche Verantwortung einzugehen.

Der als Komödien-Gott verehrte Jan Böhmermann nannte im Duett mit dem Journalisten Jakob Augstein, der es schon einmal auf die internationale Hit-Liste der Antisemiten geschafft hatte, sogar Henryk Broder als einen der Mitverantwortlichen für die Morde, und in Österreich erwischte es Bundeskanzler Kurz, dem man vorwarf, in seiner Reaktion den Begriff ›rechtsextrem‹ nicht benutzt zu haben, was als Absicht und Verharmlosung interpretiert wurde.

In Deutschland verbreitete sich eine Stimmung der Denunzierung, ein Gesellschaftsspiel, in dem die Deutschen immer schon wahre Meister waren. Nahtlos aus der Nazi-Zeit, in der Dutzende hingerichtet wurden, weil sie von fanatischen Nachbarn, eifersüchtigen Ehepartnern oder Geschäftsleuten, denen ein Geschäft misslang, als ›Feinde des Staates‹ gemeldet, dann verhaftet und oft genug verurteilt wurden, übergehend in die kommunistische DDR-Epoche, wo ebenfalls der angezeigte ›Verrat des Vaterlandes‹ Grund genug war, dass Menschen Jahrzehnte lang verschwanden, bis zur Jetzt-Zeit.  

Die bösartige Unterstellung, meist unbewiesen und selbst konstruiert für die Rechtfertigung, ist eine Eigenschaft, die kultiviert wurde bei unseren deutschen Nachbarn. Die Gesellschaft wetteifert mit dem ›Finger zeigen‹, begeistert sich gegenseitig in abgegrenzten Segmenten mit der Entdeckung der ›wahren‹ Schuldigen und Verantwortlichen, geht zu Tausenden auf die Straße, um sich zu solidarisieren gegen den Feind, den sie schnell identifiziert hat – sie selbst ist allerdings an allem unschuldig.

Nur ein paar Ausnahmen sprechen nicht von ›Ihr‹, die verantwortlich sind, sondern von ›Wir‹. Und hier liegt das Problem dieses Landes – es sind viel zu wenige. Wenn davon gesprochen wird, Deutschland habe ein Problem mit dem Rechtsextremismus, so muss die Frage erlaubt sein: Warum? 

Ausgerechnet die Aufarbeitungs-Vorzeige-Gesellschaft ist heute konfrontiert mit einem Erstarken der Neo-Nazis, rechtsextremer Parteien und extremistischer Gewalt. Wie konnte das nur passieren, bei dieser perfekten Ent-Nazifizierung und Säuberung nach der kommunistischen Diktatur. Und es drängt sich die Frage auf, inwieweit die deutsche Gesellschaft tatsächlich den Schritt zur Demokratie so einfach geschafft hat, wie es immer wieder von ihr selbst dargestellt wird.

Vielleicht ist der Grund für das Erstarken der AfD und rechtsextremer Aktivitäten nicht so sehr die Ausländerproblematik, nicht die Bandenkriminalität von Zugewanderten in Berlin und nicht der Asylbetrug, die immer wieder als Ursachen genannt werden. Deutschland muss sich heute die Konfrontation gefallen lassen, ob nicht die angeblich so problemlose Aufarbeitung der nationalsozialistischen und kommunistischen Diktatur eine Form der Selbsttäuschung war. Ob da nicht tief im Inneren der Menschen, in ihren Einstellungen, ihren Vorurteilen und ihrer Bereitschaft zu Gewalt und Hass noch viel mehr unaufgearbeitet in den psychischen Depots der Identität herumliegt.

Die Verpackung zeigt eine ideale Veränderung, und eindrucksvoll glänzt und blendet die neue deutsche Demokratie nach so vielen Jahren Diktatur. Doch es ist anscheinend nur eine perfekte Hülle, eine Kulisse, die das Ausland beruhigen soll. Es wird Zeit, dass Deutschland sich mit der Nachkriegsgeschichte und der Zeit nach der DDR genauer auseinandersetzt. Die plötzliche Veränderung zur demokratischen Gesellschaft, die Selbstsicherheit, die Deutschland zeigte, sich über Nacht von der Epoche des Nationalsozialismus und dann des Kommunismus in eine demokratische Selbstverständlichkeit verändert zu haben, wird brüchig und unglaubwürdig. 

Die deutsche Regierung kann nicht ernsthaft die Verantwortung für die rechtsextreme Radikalisierung einfach an eine Oppositionspartei abschieben. Die Regierung ist für die Sicherheit der Bewohner verantwortlich, und wenn es tatsächlich eine weit verbreite, extremistische Bewegung gibt, die vor Gewalt nicht zurückschreckt und von der Administration verharmlost und ignoriert wurde, dann ist es an der Zeit, sich selbst als Regierung infrage zu stellen.

Und noch eine Bitte an die Deutschen: 

Lasst uns endlich in Ruhe mit euren Vergleichen. Benutzt uns Österreicher nicht, um euch mit unbegründeter Überheblichkeit als demokratischen Unterschied zu Österreich zu definieren. Ihr habt nichts ›besser aufgearbeitet‹, wie die neuen Entwicklungen zeigen. Österreich, mit all seinen Problemen, ist heute eine ›real existierende‹ Demokratie mit mehr Sicherheiten und Freiheiten für Flüchtlinge und Mitglieder religiöser Minderheiten als Deutschland und einer wesentlich besser funktionierenden Integrationspolitik. Vielleicht sind die schrecklichen Morde in Hanau, die rechtsextreme Gewalt, die sich in Deutschland ausgebreitet hat, ein Signal und Hinweis, die eigene Aufarbeitung der NS-Zeit und der DDR zu hinterfragen und nicht ständig Österreich als Ort der ›wahren‹ Nazis zu denunzieren.


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Über den Autor / die Autorin

Peter Sichrovsky

Klassische Dilettanten-Karriere, wenig von viel und viel von wenig zu wissen, zu können, nach Studium der Chemie Marketing in Pharmaindustrie, dann Journalist, Schriftsteller, Mit-Gründer des Standards, SZ/Stern Korrespondent in Asien, EU-Parlamentarier, die letzten zehn Jahre Industrie-Karriere in Süd-Ost-Asien, 23 mal übersiedelt und nach Wien, Berlin, New York, München, New Delhi, Singapur, Hong Kong, Manila, Los Angeles und Brüssel in Chicago gelandet. Seit September 2017 lebt Peter Sichrovsky in London.

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