DIE BAR MITZVAH

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Wie mein Enkel mich ins Jetzt holte

Da stand ich nun in einer der vorderen Reihen einer orthodoxen Synagoge in New Jersey, zehn Minuten vom Hudson River entfernt, der die Kleinstadt von Manhattan trennt, in der Koreaner und Juden friedlich neben und miteinander leben, und beobachtete meinen Enkel, wie er laut singend aus der Thora las. Ausgerechnet eine Stelle in der Thora über Frauen, die fremd gehen, und wie der Ehemann darauf reagieren sollte, aber sie können es sich nicht aussuchen, die jungen jüdischen Männer, es wird nach ihrer Geburt das Datum der Bar Mitzvah berechnet, und was immer sich so ergibt, muss eben gelesen werden.

Die Kippa auf meinem Kopf fand ich in einem Korb beim Eingang. Ich habe keine eigene, auch keinen Gebetschal, den die anderen Männer um die Schultern trugen, ein meist weißes Tuch mit blauen Stickereien und langen Fäden, die an den Enden hängen.

Ich wurde als Großvater zur Thora gerufen, während mein Enkel die Lesung unterbrach. Der Rabbiner erklärte mir, an welcher Stelle ich mit den Fäden des Schals den Text berühren sollte und zeigte auf einen in lateinische Schrift übertragenen Segensspruch, den ich stotternd vorlas, da mir die Worte und die Betonung fremd waren. Dann las mein Enkel weiter.

Eine Jahrtausende alte Zeremonie lief vor meinen Augen ab, der ich trotz langer jüdischer Tradition meiner Familie nicht folgen konnte. Meine Eltern, mit viel Glück dem Horror des Holocaust entronnen, vermieden jede religiöse Erziehung für meine Brüder und mich. Wir wussten nichts vom Judentum, außer, dass wir keine Verwandten hatten, keine Großeltern, eine Tante, einen Onkel, alle anderen hätten nicht überlebt, erzählte meine Mutter manchmal, und als ich ein kleiner Bub war, konnte ich auch ihre Tränen nicht verstehen, wenn sie über ihre eigene Mutter sprach, die in Auschwitz ermordet wurde.

Judentum war für mich und meine Brüder irgendeine tödliche Krankheit, praktisch unheilbar, der man nicht durch richtige Behandlung entkommen konnte, sondern durch Flucht und Zufall. Nur ein Verbergen der Herkunft konnte einen schützen, war die Botschaft meiner Eltern.

Als ich den Enkel beobachtete, wie er frech und selbstsicher, manchmal richtig laut, aus der Thora las, erinnerte ich mich an meinen ersten Schultag in Wien. Unser Klassenlehrer ließ uns in einer Reihe anstellen und trug in ein großes Buch unser Religionsbekenntnis ein. Ich stand irgendwo in der Mitte der wartenden Schüler und vor mir trat einer nach dem anderen zum Pult vor, wo der Lehrer vor dem wichtigen Buch saß, und sie sagten »katholisch, katholisch« einer nach dem anderen, bis ein Mädchen dazwischen »protestantisch« sagte. 

Meine Eltern hatten mich darauf nicht vorbereitet. Ich hatte keine Ahnung, was die Kinder hier dem Lehrer mit seinem furchterregenden Gehabe zuflüsterten, der jeden zweiten anbrüllte, er oder sie sollte lauter sprechen. Ich bewegte mich langsam zum Ende der Reihe, bis ich tatsächlich der Letzte war, der vor dem Lehrer stand. 

Er sah mich an und sagte: »Und? Was ist los, kannst du nicht reden?«
Immer noch sagte ich nichts, doch bevor er mich noch einmal anfuhr sagte ich einfach: »Gar nichts.«
»Was heißt gar nichts?« Fragte er.
Ich sei gar nichts, wiederholte ich und er antworte: »Also ohne religiöses Bekenntnis, das kannst du auch gleich sagen!«

Zuhause erzählte ich meinen Eltern, was in der Klasse passiert war, und sie lobten mich, und meinten, ich hätte genau richtig reagiert, wir seien auch gar nichts, was die Religion betreffe, bei uns in der Familie gäbe es andere Werte. Welche, konnten Sie mir allerdings damals nicht erklären.

Zwei Generationen später scheint die Vergangenheit unwichtig und überwunden zu sein. Hier in New Jersey hat mein Enkel endlich den letzten Teil seines Textes erreicht und plötzlich tauchen von überall Kinder auf mit Plastikkübeln voll mit Süßigkeiten. Als der Held des Tages seine Vorführung beendet und mit einer gewissen Erleichterung den letzten Satz eines Textes vorträgt, den er monatelang mit dem Rabbiner einstudiert hatte, beginnen ihn die Kinder mit Süßigkeiten zu bewerfen und ein wahrer Regen von Zuckerln ergießt sich auf den »Zum-Mann-Gewordenen« als würden ihn seine Freunde daran erinnern, dass bei allem Erwachsensein das Kind in ihm immer noch seinen Platz hätte.

Wildfremde Männer kommen auf mich zu und gratulieren mir, schlagen mir auf die Schultern und bedanken sich, dass ich den weiten Weg von England auf mich nahm, um hier teilzunehmen. Der Rabbiner spricht mich an, und ich entschuldige mich für meine holprige Lesung des Gebets, versuche ihm zu erklären, dass ich leider nicht die richtige Erziehung bekommen hätte, doch er unterbricht mich und sagt: »Sie sind hier, das ist das einzige, was zählt.«

Beim anschließenden Mittagessen in der Synagoge sprechen meine Tochter, der Vater, dessen Eltern, Geschwister des Vaters, deren Kinder, Freunde, Verwandte über den gefeierten Enkel und auch ich werde gebeten, ein paar Worte zu sagen. Es wird gegessen, gelacht, gesungen, getanzt, Menschen sprechen miteinander auf Hebräisch, Jiddisch, Englisch und Deutsch, doch ich sitze irgendwie daneben, fast wie hinter einer gläsernen Wand, und beobachte alles, bis mir einfällt, was mich von Ihnen trennt – es ist die jüdische Normalität, die mir so fremd ist.

Als habe es nie einen Holocaust gegeben, nie einen Krieg, keine Überlebenden und ihre Kinder, die mit der Ermordung der Familien nicht fertig wurden. Hier tanzte die jüdische Normalität, unbeeinflusst von der Vergangenheit, mit einem Selbstvertrauen und einer Selbstverständlichkeit, wozu nur Juden fähig sind, die im Heute leben und die Geschichte in Büchern und Museen abgelegt hatten.

Ich versuchte in meiner Rede an die Geschichte der Familie zu erinnern, bis ich merkte, dass ich einen Fehler gemacht hatte. Ich beobachtete das Gesicht meines Enkels und spürte, dass es ihn nicht interessierte. Hier ging es nicht um Gestern, sondern um das Heute und Morgen. Meine Enkelgeneration hat keine weinenden Mütter, die den Tod der eigenen Eltern nie überwinden konnten. Er hat auch keinen Vater, der Angst hat, von Fremden als Jude erkannt zu werden, und er wird sicher seine eigenen Kinder zu stolzen Juden erziehen, wie auch meine Tochter ihn erzogen hatte.

Irgendwann im Laufe des Mittagessens betrat ich den inneren Kreis der Feiernden, verließ die Position des Beobachters und beschloss, zumindest einen Tag lang, so zu leben wie mein Enkel, unbekümmert, selbstsicher und ohne Zweifel. Er hat sein ganzes Leben vor sich und will offensichtlich nicht, dass es durch Ereignisse beeinflusst werde, die lange vor seiner Zeit geschehen sind. Und er hat Recht. 

Ich dachte plötzlich an die Operette »Die Fledermaus« mit dem Text »glücklich ist, wer vergisst, was nicht mehr zu ändern ist«, und ohne es ihm zu sagen, bedankte ich mich bei meinem Enkel, dass er mich durch seine Ignoranz und Gleichgültigkeit gegenüber der Vergangenheit daran erinnerte, dass es trotz Geschichte ein sicheres und glückliches jüdisches Leben auch vor dem Tod geben muss. 


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Über den Autor / die Autorin

Peter Sichrovsky

Klassische Dilettanten-Karriere, wenig von viel und viel von wenig zu wissen, zu können, nach Studium der Chemie Marketing in Pharmaindustrie, dann Journalist, Schriftsteller, Mit-Gründer des Standards, SZ/Stern Korrespondent in Asien, EU-Parlamentarier, die letzten zehn Jahre Industrie-Karriere in Süd-Ost-Asien, 23 mal übersiedelt und nach Wien, Berlin, New York, München, New Delhi, Singapur, Hong Kong, Manila, Los Angeles und Brüssel in Chicago gelandet. Seit September 2017 lebt Peter Sichrovsky in London.

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