Antisemitismus Österreich

Der Überlebende

Photo: KZ Mauthausen, von Dnalor1, CC BY-SA 3.0 AT

Die Grausamkeit des Zufalls

An Samstagnachmittagen kam Onkel Lajos zu uns zu Besuch. Er hatte einen Schäferhund und eine knochendürre, angeblich ewig kranke Frau, die er bei seinen langen Spaziergängen immer zu Hause ließ. Sein Weg führte von Liesing zum Rosenhügel im 12. Wiener Bezirk, wo ich mit meinen Eltern als Ältester von drei Söhnen lebte. Onkel Lajos war nicht mein richtiger Onkel. Wir nannten ihn so, weil er mir und meinen Brüdern die Verwandtschaft ersetzte. Wir kannten unsere Großeltern nicht. Keiner von ihnen hatte den Holocaust überlebt.

Ich wartete die ganze Woche voller Hoffnung auf den Samstag. Regen oder Schnee verdarb mir diesen Tag, weil dann Onkel Lajos nicht kam und niemand mich auf diese Spaziergänge mitnahm, mit den wahrscheinlich interessantesten Geschichten meiner Kindheit.

Onkel Lajos überlebte den Holocaust in einem Konzentrationslager. Er war nicht der einzige Überlebende unter den Freunden meiner Eltern. Sein Schicksal war die Normalität unter ihnen, den zurückgekehrten Emigranten, Österreichern, die sich als Flüchtlinge einer der alliierten Armeen angeschlossen hatten, und den Überlebenden der Konzentrationslager.

Onkel Lajos sprach nicht gern über seine Zeit im Lager, wie viele der Frauen und Männer, die zu uns nach Hause zu Besuch kamen. Nur im Sommer, wenn sie Blusen oder Hemden mit kurzen Ärmel trugen, sah ich bei manchen die tätowierte Nummer. Doch ich zwang ihn oft mit hartnäckigen Fragen. Eines dieser Gespräche hat meine Meinung über den unvorstellbaren Wahnsinn in den Lagern auf ewig beeinflusst, als wir vom Haus meiner Eltern an einem der sonnigen Samstage in Richtung Schönbrunn gingen und ich ihn fragte, warum er überlebt habe, jedoch niemand von meinen Verwandten.

Er blieb stehen, sah kurz auf seinen Hund und antworte: ‚Ich will eigentlich nicht darüber sprechen, aber eines kann ich dir sagen, keiner, der das überlebt hat, wird dir jemals die Wahrheit sagen’.

‚Wie meinst du das’, fragte ich ihn.

‚Du konntest nicht durch Anständigkeit überleben. Du konntest auch nicht überleben, indem du einfach alle Regeln beachtetest, oder alle Anordnungen der SS.’

Ich verstand ihn nicht und fragte ihn, wie er das meinen würde.

‚Du mit deiner ewigen Fragerei, ich komme dir einfach nicht aus’, antworte er und ging weiter.

Nach ein paar Metern fing er jedoch an zu erzählen. Es war das erste und das letzte Mal, dass er so lange und ausführlich über seine Zeit im Lager sprach. Ich fragte ihn auch nie wieder nach diesem Gespräch.

‚Es ging jeden Tag darum, ob du oder ein anderer diesen Tag überlebt. Ob sie dich ermorden, oder den Mann neben dir, oder den hinter dir. Ob beim Durchzählen, von eins bis zehn, weil einer beim Appell fehlte, sie jeden Dritten herausnehmen und erschießen und du der Vierte oder Zweite bist. Ob du krank bist und dich der Blockälteste meldet, ein Häftling wie du, der dir während dich das Fieber schüttelt, schon längst die Schuhe ausgezogen hat, um sie zu verkaufen, oder gegen etwas Essbares einzutauschen. Vielleicht war er früher ein Schuster oder ein Dichter oder ein Gauner. Dort im Lager ist er ein Jude, ein Russe, ein Krimineller, ein Politischer, der es geschafft hat, über Leben und Tod anderer Häftlinge zu entscheiden. Er hat sozusagen Karriere gemacht und war fest davon überzeugt, dass es ihm das Leben retten würde, bis ihn einer wegen des geringsten Fehlers bei der SS meldete, weil er seine Position wollte.’

Ich hatte Onkel Lajos noch nie so erlebt. Ich erschrak über seine harten, leisen Worte und hatte plötzlich Angst vor ihm, wollte das Thema wechseln und suchte einen Stock, um mit dem Hund zu spielen.

Er griff nach meinem Arm und sagte: ‚Lass es’.

Wir gingen schweigend weiter und erreichten den oberen Teil von Schönbrunn mit der Gloriette, wo er sich auf eine Bank setzte. Ich stand vor ihm bis er mich aufforderte, mich neben ihn zu setzen.

‚Ich weiß nicht, warum deine Großeltern nicht überlebten. Niemand kann dir sagen, warum einer lebend aus den Lagern gekommen ist und ein anderer nicht. Glaub kein Wort, was dir jene erzählen, die es überlebt haben. Sie können nie die Wahrheit sagen, denn sie würden sich selbst verraten. Auch ich kann dir nicht jede Einzelheit beschreiben. Im Grunde genommen quält es uns, beschämt es uns,  dass so viele ermordet wurden und ich hier mit dir in der Sonne sitze.’

‚Vielleicht warst du einfach nur geschickter und schlauer?‘, fragte ich ihn.

Er sah mich an, sein Gesicht erstarrte und seine Augen wurden enger.

‚Du bist so etwas wie ein Sohn für mich, nur deshalb hau ich dir jetzt keine runter. Weisst du, was schlau oder geschickt im KZ bedeutet? Dass ein anderer an deiner Stelle stirbt. Stell dir ein Lager wie eine Fabrik vor mit Abteilungsleitern, Vorarbeitern und verschiedenen Direktoren, also ein System mit Hierarchie wie in jedem Unternehmen oder einer Organisation. Der Unterschied ist der, dass jeder Vorgesetzte, und damit meine ich nicht die SS, sondern die privilegierten Gefangenen, über Leben und Tod der Untergebenen entscheiden kann. Im Lager waren nicht einfach nur Häftlinge. Vom Lagerältesten abwärts gab es die Blockältesten, Stubendienste, Lagerschreiber, sogar Tischälteste, die für die Nahrungsverteilung verantwortlich waren. Ein perfektes, mörderisches System, in dem jeder gegen jeden kämpfte und so jede Solidarität unter den Häftlingen verhindert wurde. Zu der hierarchischen Machtstruktur kamen noch die Kämpfe der Politischen, der rassisch Verfolgten und der Kriminellen gegeneinander. Eine Fremdsprache konnte dich retten. Deutsch war das Minimum für eine Position unter den Funktionshäftlingen, wie man sie nannte. Ich sprach Deutsch und Ungarisch, also setzte man mich als Blockältesten in der ungarischen Baracke ein. Aber auch andere Kleinigkeiten konnten über Leben und Tod entscheiden, zum Beispiel eine niedrige Nummer. Die SS ging dann davon aus, dass du schon Erfahrungen hast, weil du länger hier bist, und holte dich aus der Gruppe für eine Sonderaufgabe. Funktionshäftlinge bekamen besseres Essen, hatten die besseren Baracken und wurden von der Schwerarbeit befreit. Doch jeden Tag warteten hunderte Häftlinge nur auf den geringsten Fehler von dir, um dich sofort zu melden. Funktionshäftlinge, die ihre Aufgaben nicht erfüllten, wurden nicht einfach degradiert, sondern sofort erschossen.‘

Wieder schwieg er ein paar Minuten. Ich saß ruhig auf der Bank und bewegte mich nicht. Bis er diesen einen Satz sagte, der mich bis heute erschaudern lässt:

‚Sie haben nicht nur meine besten Freunde und deine Großeltern ermordet. Sie haben auch mich zum Mörder gemacht, um zu überleben.‘

Ich besuchte damals die zweite Klasse Gymnasium, war keine 12 Jahre alt und die grausamen Geschichten meines Onkel Lajos blieben lange Zeit eben nur grausame Geschichten wie die der Gebrüder Grimm, bis ich ihn viel später langsam zu verstehen begann.

Während meines Studiums und der langen Zeit im Ausland verlor ich den Kontakt zu ihm. Viele Jahre später, als ich am Rückweg von Asien in die USA ein paar Tage in Wien blieb, erfuhr ich durch Zufall über einen Bekannten, dass er sehr krank sei und kaum noch mit jemand sprechen würde. Der Bekannte gab mit die Adresse und Telefonnummer, doch niemand meldete sich. So fuhr ich einfach zu der Wohnung und klopfte.

Eine asiatisch aussehende Frau öffnete, stellte sich als Krankenpflegerin vor und führte mich in ein Zimmer, wo Onkel Lajos im Bett lag. Er erkannte mich sofort, versuchte sich aufzusetzen und hatte plötzlich Tränen in den Augen. Auch ich konnte mich nicht mehr beherrschen, und wir beide umarmten uns.

Wir sprachen nur eine halbe Stunde, es fiel ihm schwer, ganze Sätze zu sprechen und er konnte kaum hören, was ich sagte. Er weinte die ganze Zeit und griff immer wieder nach meiner Hand. Die tätowierte Nummer auf seinem alten und dünnen Arm voller Falten war kaum noch erkennbar. Dann fiel plötzlich sein Kopf zurück und er schlief ein, reagierte nicht mehr auf meine Worte, und die Krankenpflegerin bat mich, ihn schlafen zu lassen.

Zwei Tage später versuchte ich noch einmal ihn zu besuchen. Als ich die Wohnung erreichte, trugen Männer in blauen Latzhosen Möbel über die Stiegen und luden sie auf einen Lastwagen. Ein Mann in einem billigen Anzug informierte mich, dass der Eigentümer verstorben sei. Wegen der hohen Schulden des Verstorbenen müsse die Einrichtung beschlagnahmt werden.

‚Ist eh alles nichts wert‘, sagte er verächtlich.

 

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