Feuilleton

Der Husten und der Hund

Aus dem Corona Tagebuch (2)

In einer älteren Gemeindebausiedlung in Wien mit großzügigen Grasflächen zwischen den niedrigen, dreistöckigen Häusern geht eine ältere Frau mit ihrem Hund auf und ab und wirft manchmal einen Stock so gut sie noch kann mit ihren dicken Armen, und der Hund trottet langsam, als hätte er gewisse Sympathien für die Schwerfälligkeit seiner Besitzerin zu dem abgebrochenen Ast, nimmt ihn mit den Zähnen und bringt ihn zurück.

»Brav Wolferl«, sagt die Frau zu ihrem Liebling, bückt sich und hebt den Stock auf, der Hund sitzt auf seinen Hinterbeinen und wartet auf den nächsten Wurf, und wieder landet das Holzstück nur wenige Meter von den beiden entfernt, der Hund holt es, und so wiederholt sich dieses Spiel mehrere Male.

Ein Fenster öffnet sich in einer der Wohnungen im Erdgeschoß, und der Kopf eines Mannes, etwa vierzig Jahre alt erscheint, unrasiert mit dichten, dunklen Haaren und einer Zigarette in der Hand. Er nimmt einen langen, tiefen Zug, bläst den Rauch hinaus ins Grüne und beginnt zu husten, und es klingt wie das Bellen des Wolferl, wenn der Hund auf das Werfen des Stocks wartet, hart, trocken und mit kurzen Abständen, in denen er versucht, mit der Frau zu sprechen.

»Hallo sie!« Hust, hust. »Der Hund«, hust, hust »Der Hund ist ja nicht an der Leine!« Hust, hust.

»Aber gehn’s, Sie kennen doch meinen Wolferl, der ist doch harmlos«, entgegnet die Frau und versucht zu lächeln, streicht dem Wolferl mit der Hand über den Kopf, der eben mit dem Holz im Maul wieder zurückgekommen war.

»Darum geht‘s nicht!“ Hust, hust. »Wir haben jetzt andere Zeiten!« Der bärtige Mann wird lauter, und auch die Abstände zwischen den krächzenden Hustgeräuschen werden kürzer.

»Der muss an die Leine, und einen Beißkorb braucht er auch, der kann ja alle anstecken!« Ruft er der Frau zu.

»Der kann überhaupt niemand anstecken, das hab‘ ich in der Zeitung gelesen. Sie schau‘n ja gar nicht gut aus und der Husten, na hawidere, mit Ihnen möcht’ ich nicht in einer Wohnung sein!« Sagt die Frau.

»Ich bin g’sund! Verschwinden’s mit dem Hundsviech!« Der Mann fängt an zu schreien, so gut er konnte, doch die Husterei lässt es nur bedingt zu.

»Ich lass mir nichts von Ihnen vorschreiben, ich kenn Sie doch, das ist die Viererstiege, und Sie wohnen auf Nummer drei, bei Ihnen war schon dreimal die Polizei, weil Sie ihre Frau verprügelt haben! Von ihnen lass ich mir gar nichts sagen!« Schreit ihn jetzt die Frau an.

»Also!« Hust, hust, der Mann wirft die Zigarette weg, in Richtung der Frau und ein neuer Hustenanfall verzögert seine Antwort, bis er schreiend, von weiterem Husten unterbrochen, der Frau zuruft: »Erstens!« Hust. »Ist das die Dreierstiege und ich wohn auf Nummer vier, und bei mir war noch nie die Polizei. Aber ich wird‘ sie jetzt anrufen, die werden gleich da sein, und dann werden wir schon sehen, was mit ihnen und dem Hundsviech passiert!«

Er verschwindet vom Fenster, kommt zurück mit einem Mobiltelefon, tippt mit den Fingern darauf herum und drückt es an sein Ohr. Während er auf Antwort wartet, quält ihn ein neuer Hustenanfall.

Die Frau starrt ihn einen Moment an, schüttelt den Kopf, hängt dann die Leine an ihren Hund und sagt: »Komm Wolferl, gemma lieber. So wie der beinander ist mit der Husterei, ist er in ein paar Tagen eh nicht mehr da, dann kommen wir zurück und haben unsere Ruh‘.«

 

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