SCHLAGLICHTER

Der Babyelefant mit den Wackelohren

Werken im Online-Unterricht 

»Papa, da fehlt eine Schnur, das sind nur fünf, wir müssen aber sechs vorbereiten«, Paul legt die fünf Schnüre parallel nebeneinander auf den Tisch. 

»Fünf? Das gibt’s nicht, ich hab sechs abgeschnitten von der Rolle!« Erwin steht auf und beginnt in der Küche zu suchen, reißt die Laden auf und greift mit der Hand tief nach hinten, in jede versteckte Ecke.

»Papa, in fünf Minuten beginnt der Unterricht, eine Schnur fehlt!«

»Tina!« Ruft Paul laut durch die offene Küchentür, »wo ist die Schnur, ich hab extra einen ganzen Knäuel mit aufgerollter Schnur gekauft«. Niemand antwortet ihm. Er läuft durch die Wohnung, hört Stimmen im Kinderzimmer und öffnet die Tür.

»Habt ihr die Schnur?«

»Ja, wir brauchen sie für meine Aufgabe«, antwortet Mara. Sie sitzt an einem kleinen Schreibtisch und zeichnet mit Buntstiften auf einem Blatt Papier, steht dann auf und reicht es ihrer Mutter.

»So, das ist die Fahne von Italien, jetzt sind wir bald fertig!« Tina faltet die italienische Fahne und hängt sie über eine Schnur, die von einer Wand des Zimmers zur anderen gespannt ist.

»Wir brauchen die Schnur, Paul hat gleich Werken!« Schreit Erwin und Tina antwortet: »Wir haben sie auch gebraucht, schrei doch nicht so!«

»Wir müssen alle Fahnen von der EU zeichnen und aufhängen, hat die Frau Lehrerin gesagt,« Mara setzt sich wieder, nimmt ein neues Blatt Papier und beginnt mit der nächsten Fahne.

»Ist ja gut, aber wo ist sie jetzt die Schnur?« Fragt Erwin.

»Na hier, reg dich wieder ab«, antwortet Tina und reicht ihm das Knäuel.

»Das ist ja völlig verwurschtelt, wie soll ich da jetzt ein Stück mit der richtigen Länge abmessen?«

»Haha!« Mara lacht und spricht mehr zu sich selbst während sie die Fahne von Deutschland zeichnet: »Verwurschtelt, sagt der Papa«.

Erwin läuft zurück in die Küche und versucht aus dem verknoteten Ball ein Stück heraus zu ziehen. Paul starrt auf das iPad, auf dem das Gesicht eines älteren Mannes zu sehen ist, der die heutige Aufgabe erklärt.

»Wie ihr wisst, machen wir heute den Babyelefanten, den ihr ja alle kennt, bei dem der Rüssel sich bewegt und die Ohren wackeln. Ich hoffe, ihr habt alles vorbereitet?«

»Ja!« Ruft Paul und deutet gleichzeitig seinem Vater, endlich das fehlende Stück Schnur dazu zu legen.

»Gehen wir noch einmal durch, was wir heute benötigen«, sagt der ältere Herr, den Paul Herr Professor nennt, während seine Schwester, die in die Volksschule geht, ihre Lehrerin oft als Frau Steinhuber anspricht. Der Herr Professor für Werken zählt die Materialien auf, die diesmal zum Babyelefanten mit wackelnden Ohren verarbeitet werden sollen. Ein Karton, Schreibpapier, sechs Schnüre, die innere Rolle von Klopapier für den Rüssel, ein Holzstab, eventuell ein Essstäbchen vom Chinesen, Klebstoff, ein Filzstift und vier Splinte.

»Was für Splinte, das hast du mir nicht gesagt!«

»Doch, Papa, ich hab’s dir gesagt«, entgegnet Paul.

»Was sind überhaupt Splinte, wo sollen wir die jetzt hernehmen?« Erwin beginnt wieder nervös in den Küchenladen zu suchen.

»Das sind diese Dinger, du weißt schon, auf den Kuverts, die man nicht zupickt und nur mit einer Klammer zumacht«, erklärt ihm Paul, während er die anderen Dinge nebeneinander auf dem Tisch vorbereitet.

»Das sagst du mir jetzt, wozu suche ich dann in der Küche«, sagt Paul und läuft in sein Arbeitszimmer, findet unter den Schreibwaren ein paar Kuverts, reißt die Splinte von der Rückseite ab und murmelt: »Splinte, verdammte Splinte, wer weiß schon, was Splinte sind…«. Er bringt sie zurück in die Küche, wo Paul schon begonnen hat, mit dem Filzstift auf der Klopapierrolle den Rüssel zu malen.

»Oije«, sagt er plötzlich, »das schaut nicht aus wie ein Rüssel, Papa, ich brauch eine neue Rolle«.

»Das geht schon«, erwidert Erwin, »ich finde, es schaut aus wie ein Rüssel«.

»Der Herr Professor wird nicht zufrieden sein, wie letztes Mal bei dem Windrad, da hab ich als einziger einen Dreier bekommen«. sagt Paul.

»Einen Dreier? Warum, das war doch so ein schönes, buntes Windrad!«

»Ja, schön war es, aber als der Professor verlangte, ich soll zeigen, wie es funktioniert, hab ich geblasen und geblasen, aber es hat sich nicht gedreht«, antwortet Paul und Erwin steht seufzend auf und holt ein Klopapier, drückt die innere Rolle heraus und Paul beginnt, einen einen neuen Rüssel zu malen.

Der Professor erscheint wieder auf dem Bildschirm.

»Kontrolliert noch einmal, ob ihr auch alles habt« spricht er in die Kamera und zeigt jedes Stück einzeln, den Karton, die Papiere, die Klorolle, die Schnüre, das abgebrochene, chinesische Essstäbchen, die Splinte und den Klebstoff.

»Wir haben alles, Herr Professor, und ich hab auch schon den Rüssel gezeichnet«, antwortet Paul und Erwin, der neben ihm sitzt, nickt brav als wäre er ein Mitschüler.

»Nehmt jetzt…« beginnt der Professor mit den Erklärungen als Mara in die Küche kommt, von einem Bein zum anderen hüpft und laut singt: »Ich bin fertig, ich bin fertig, ich bin fertig…«

»Mara, ich hör doch nichts, verschwinde!« Schreit Paul und auch Erwin deutet ihr, die Küche zu verlassen. »Ich hol mir doch nur ein Wasser«, sagt Mara lächelnd, nimmt ein Glas und lässt das Wasser voll aufgedreht lange fließen, und als Paul sie noch einmal anschreit, sagt sie: »Warum müsst ihr auch in der Küche arbeiten?«

»Weil das verdammte Internet nur hier genug stark ist!« Paul hat den Rüssel vergessen und beginnt mit seiner Schwester zu streiten bis Tina in Küche kommt und sagt: »Was ist denn hier los?«

»Nimm bitte Mara aus der Küche, Paul hat Unterricht, und wir haben doch ausgemacht, dass dann keiner in die Küche kommt«, sagt Erwin und Tina zieht Mara an der Hand, die sich losmacht und zuerst das Glas Wasser holt.

»Jetzt haben wir die Erklärung versäumt, womit soll ich jetzt anfangen«, jammert Paul und Erwin versucht ihn zu beruhigen.

»Ist doch ganz einfach«, sagt er, »wir schneiden den Kopf aus, machen die Löcher für Rüssel und Ohren, dann kleben wir die Schnüre an die Klorolle und die Ohren, verbinden es mit den Splinten befestigen es auf der anderen Seite mit dem Holzstück, und die Sache ist erledigt«.

»Das hast du beim Windrad auch gesagt…«, murmelt Paul beginnt die Löcher auszuschneiden.

»Und, wie geht es denn so bei dir?« Meldet sich nach ein paar Minuten die Stimme des Professors. Als er Paul sieht, wie er die beiden Ohren malt, sagt er: »Du bist erst bei den Ohren, Paul, die anderen sind aber schon viel weiter«. 

Paul und Erwin beeilen sich. Bald sind sie fertig mit Rüssel und Ohren, sie passen genau in die Öffnungen des Elefantenkopfes und Paul ist mit sich zufrieden. »Diesmal schaffen wir es, Papa«, sagt er zu Erwin, der lächelt und sagt: »Hätte ich mir nicht gedacht, dass ich hier mit dir sitze und an wackeligen Ohren und Rüssel arbeite. Alles machst du alleine, Mathematik, Englisch, Deutsch, oft stundenlang, nur die wöchentliche Bastelstunde bringt uns alle zur Verzweiflung…«

»Papa, mach doch weiter, sonst sind wir wieder die letzten«, unterbricht ihn Paul.

Sie kleben die Schüre an, befestigen die Splinte, verbinden alles mit dem Holzstäbchen und setzen Rüssel und Ohren ein. 

»Und, wie soll das jetzt funktionieren?« Fragt Erwin.

»Das Holz muss man hin und her drehen, dann hebt sich der Rüssel und die Ohren wackeln«, antworte Paul. Er dreht nach links, er dreht nach rechts, es rührt sich nichts.

»Es geht nicht«, Paul ist verzweifelt, »ich bekomm wieder einen Dreier«.

»Warte doch, wir haben ja noch Zeit, irgendwo muss da ein Fehler…«, sagt Erwin, doch die Stimme des Professors unterbricht ihn.

»Na Paul, zeig uns doch deinen Babyelefanten«. Paul hält zögernd den Kopf vor die Kamera des iPads.

»Sehr schön, und jetzt lass einmal Rüssel und Ohren bewegen«, sagt der Herr Professor, und als tatsächlich der Rüssel sich hebt und die Ohren wackeln, fragt er: »Du hältst den Kopf mit beiden Händen, wie kannst du dann das Holzstück drehen?«

Paul zögert und sagt dann leise, kaum hörbar: »Das macht der Papa, der zieht an den Schnüren am Rüssel und den Ohren…«

Zuerst veröffentlicht in NEWS.


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Peter Sichrovsky

Klassische Dilettanten-Karriere, wenig von viel und viel von wenig zu wissen, zu können, nach Studium der Chemie Marketing in Pharmaindustrie, dann Journalist, Schriftsteller, Mit-Gründer des Standards, SZ/Stern Korrespondent in Asien, EU-Parlamentarier, die letzten zehn Jahre Industrie-Karriere in Süd-Ost-Asien, 23 mal übersiedelt und nach Wien, Berlin, New York, München, New Delhi, Singapur, Hong Kong, Manila, Los Angeles und Brüssel in Chicago gelandet. Seit September 2017 lebt Peter Sichrovsky in London.
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