Deutschland

Chemnitz und die Wahrheit

Photo: Jakob Reimann (cropped), CC BY-ND 2.0

Begegnung mit einem Deutschen in Meran

In der Umgebung von Meran verbringen die Deutschen gerne ihren Urlaub. Sie sind in Italien, aber jeder spricht hier deutsch und man sitzt nicht in Österreich oder Bayern neben Schmidt aus der Finanzabteilung oder Mayer aus dem Marketing.

Das reichhaltige Frühstücksbüffet in unserem Hotel in den Bergen nördlich von Meran, das kurz nach Eröffnung um acht Uhr früh meist gut besucht ist mit einer langen Reihe von Wartenden vor dem Eierkoch, bleibt diesmal halb leer. Viele der Deutschen stürmen zum Zeitungstisch, bestellen nur Kaffee oder Tee und blättern nervös in FAZ, WELT und SZ, bis sie gefunden haben, was sie suchen – die Berichte über Chemnitz.

Mir gelang es, die WELT zu retten, und da es die letzte war, bat mich ein Gast, ob ich sie ihm überlassen würde, wenn ich sie gelesen hätte.

»Natürlich«, antwortete ich ihm, doch er zog sich nicht zurück, stand weiter neben mir, obwohl ich mich längst niedergesetzt und die Zeitung geöffnet hatte, und sagte aufgeregt:

»Sie dürfen das alles nicht so wörtlich nehmen, was hier steht!«

Ich wusste nicht, was ich ihm antworten sollte und nickte nur.

»Das ist alles maßlos übertrieben. Chemnitz ist eine ganz normale Stadt, wie jede andere in Deutschland. Was hier geschrieben wird, sind zum Großteil Lügen!«

Erst jetzt sah ich ihn mir genauer an. Groß, schlank, etwa 45 Jahre alt, mit kurzen grauen Haaren, einer schwarzen Jogginghose und einem blauen, engen Pullover wie ihn Läufer gerne tragen, schien er sich für den Morgenlauf vorbereitet zu haben, als es ihn dann doch zu den Zeitungen drängte.

»Die Ereignisse in Dresden scheinen mir nicht so normal zu sein, wie sie es nennen«, sagte ich und bereute meine Antwort sofort, da mein morgendliches In-Ruhe-Zeitungslesen damit beendet sein musste, denn er schien nur darauf gewartet zu haben, mir die Wirklichkeit zu erklären.

»In den Zeitungen und im Fernsehen wird das alles übertrieben und sensationell dargestellt, verfälscht und manipuliert, dabei es sind doch nur ein paar Verrückte!«

Ich schob ihm die Zeitung hin, deutete auf die Fotos und sagte:

»Da gehen ein paar Tausend auf die Straße und brüllen und schreien und eine Reihe schwer bewaffneter Polizisten trennen sie von den anderen paar Tausend, die auf der anderen Seite der Straße brüllen und schreien und das sollen nur ein paar Verrückte sein? Was sollten die Zeitungen da sensationell darstellen, was nicht passiert? Was muss man da noch erfinden?«, fragte ich ihn.

»Naja, so wie sie reden, sind sie auch einer von denen«, sagte er und entschuldigte sich sofort, er habe das nicht so gemeint, er sei einfach beunruhigt und sehe schon in jedem einen Feind. Auf meine Frage, wen er konkret als Feind sehe, reagierte er nicht. Ich versuchte es anders und sagte:

»Wir sind hier beide auf Urlaub, und sollten nicht streiten. Was ist denn wirklich passiert in Chemnitz ihrer Meinung nach?«

»Ich weiß es nicht, und das macht mich so nervös«, sagte er leise und ich spürte seine Unruhe. »Ist nun der Deutsche ermordet worden, weil er eine Frau gegen die Angriffe der Asylanten verteidigte? Oder ging es um die Bankomat-Karte, die die Ausländer wollten? Vielleicht stritten sie aus einem ganz anderen Grund, vielleicht waren sie betrunken und haben vorher noch gemeinsam gefeiert und es entwickelte sich ein Streit um nichts, rein gar nichts. Wie kann ich mir eine Meinung bilden, wenn jeder etwas anderes schreibt und berichtet. Wir wissen nicht mehr, was die Wahrheit ist, weil uns alle belügen!«

Er jammerte fast in diesem weinerlichen Ton und wurde mir langsam unsympathisch. Irgendwie begann dieser Tag nicht gut, und das letzte, was ich an diesem Morgen brauchte, war eine Diskussion mit einem Deutschen über Chemnitz. Mir reichten die Berichte in den Zeitungen. Sie waren für meine Bedürfnisse widerlich genug, selbst wenn angeblich nur die Hälfte wahr wäre.

Aber ich konnte nicht einfach aufstehen und gehen. Ich saß dort festgenagelt im Frühstückszimmer mit der WELT auf dem Tisch und musste mit ihm sprechen.

»Ich verstehe schon, dass sie nicht den Grund, das auslösende Ereignis sozusagen, für die Ausschreitungen kennen. Aber das entschuldigt doch nicht die Aufmärsche der Rechtsextremen und den Hitlergruß einiger der Teilnehmer und die aggressive Gegenreaktion der linken Chaoten. Das muss doch auch ihnen zu denken geben, dass es um ganz andere Ursachen geht und nicht nur um die richtige Berichterstattung durch die Medien«, sagte ich ruhig und langsam, fast belehrend, als würde ich mit jemandem sprechen, der nur schlecht Deutsch konnte.

»Sicherlich, das ist nicht zu entschuldigen. Aber wie viele sind das? Haben deshalb die Bewohner von Chemnitz ein Nazi-Problem? Wenn schon über eine einfache Tatsache wie diesen Kriminalfall nicht wahrheitsgetreu berichtet wird, was soll ich sonst noch glauben? Ein paar Bilder sehe ich mit hauptsächlich aufgeregten Männern, und rund um sie lauter Fotografen, die versuchen, die besten Fotos zu machen. Dabei sind das doch die Ausnahmen!« Er stand immer noch neben mir und zeigte mit dem Finger auf die geöffnete Zeitung.

Ich konnte nicht mehr, wollte nicht mehr. Warum musste ausgerechnet ich hier im Hotel bei Meran während meines Urlaubs einem Deutschen helfen, nicht pauschal verurteilt zu werden und ihn aus dem Klischee des »hässlichen Deutschen« retten. Ich wollte ihm diese Hilfe nicht anbieten.

»Es ist doch gleichgültig, wie viele es sind…«, versuchte ich zu entgegnen, doch er unterbrach mich und fuhr mich an, ich hätte doch in Österreich ein viel größeres Problem, da doch Nazis sogar in der Regierung sitzen würden. Ich war erstaunt über diesen Angriff, hatte nicht damit gerechnet, versuchte, ruhig zu bleiben und fragte ihn, woher er das wisse und was die Grundlage seiner Behauptung sei.

»Das steht in allen Zeitungen! Euer Bundeskanzler wurde sogar ›Baby-Hitler‹ genannt!«, sagte er plötzlich so laut, dass Gäste von anderen Tischen zu uns sahen.

Die Diskussion hatte einen Punkt erreicht, an dem ich üblicherweise die Kontrolle verliere und in mehr oder weniger höflicher Form ausraste. Doch dann erinnerte ich mich wieder an den Urlaub hier, den Aufstieg gestern über einen steilen, steinigen Weg mit Seilen in den Felswänden, an denen man sich festhalten und hochziehen musste, und wie mein Sohn und ich es bis zum Gipfel schafften, obwohl ich mehrere Male auf dem Weg nach oben aufgeben wollte und dort das hoffentlich ewig in der Familie von Eltern zu Kindern vererbte Foto machte neben dem Gipfelkreuz, mit erschöpften, doch glücklichen Gesichtern, für die Ewigkeit konserviert.

»Sie hätten sich früher anstellen sollen«, sagte ich zu dem Deutschen. »Jetzt stehen schon mindestens zehn Gäste vor dem Koch, der die Eier in die Pfanne schlägt und die Omeletten zubereitet.«

Er sah mich mit weit geöffneten Augen an, schüttelte den Kopf, wich einen Schritt zurück und sagte nach einer kurzen Pause: »Sie machen sich über mich lustig. Sie nehmen mich nicht ernst. Wozu spreche ich überhaupt mit ihnen!«

»Warum sie mit mir sprechen, weiß ich auch nicht.«, antwortete ich ihm. »Aber ich nehme sie sogar sehr ernst. Sie vertreten jenen Teil der Gesellschaft, der sich aus den Nachrichten herausklaubt, was seine Vorurteile bestätigt und alles andere als Lüge verurteilt. Nachdem sie mir eine halbe Stunde erklärten, dass ich nicht glauben sollte, was in den Medien über Chemnitz berichtet werde, da alles ganz anders sei und die Zeitungen sich auf Einzelheiten konzentrierten, die dem Gesamtbild nicht entsprechen würden, es aufblasen und als schockierende Realität präsentieren, konfrontieren sie mich mit einem dummen, beleidigenden Klischee über die österreichische Regierung und reden sich nach meiner Kritik darauf aus, es sei eben so in den Medien dargestellt worden. Das ist ihre Ausrede? Jetzt wiederholen sie es einfach, weil es ihnen passt und sind nicht im Stande, sich zur Österreich eine eigene Meinung zu bilden, erwarten jedoch von mir, ich sollte die pauschalen Angriffe gegen die Bevölkerung von Chemnitz kritisch hinterfragen?«

Bevor er noch antworten konnte, stand ich auf und ging vom Tisch weg, blieb kurz stehen, drehte mich um und rief ihm zu: »Sie können die Zeitung haben! Ich habe schon alles über Chemnitz gelesen!«

Dann ging ich zum Frühstücksbuffet, zu den Tischen mit frischem Obst, Käse und Wurst. Die Spiegeleier ließ ich diesmal aus, als ich sah, dass der Deutsche sich bereits beim Eierkoch angestellt hatte, mit der WELT unterm Arm.

 

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