Feuilleton Wirtschaft

Bitcoins

Die Rückkehr der „Österreicher“

Am 21. Mai 2010 war es so weit. An diesem Frühlingstag, einem sonnigen Freitag, versprach ein gewisser Laszlo Hanyecz aus Florida – seines Zeichens Programmierer und selbstredend ein unglaublicher ‚Geek‘ – jedem, der ihm zwei Pizzen liefern konnte, eine Bezahlung in Form von 10.000 Bitcoins, die er selbst an seinem PC geschürft hatte. Keine 24 Stunden später klingelte es an der Tür. Der Deal wurde erfolgreich abgeschlossen. Die Pizza-Sorten sind nicht überliefert, auch nicht ob sie geschmeckt haben.

Möglicherweise fragt sich der geneigte Leser nun, was an dieser Geschichte derart revolutionär sein soll, dass man sie gleich an den Anfang stellt? Die Antwort erschließt sich aus der Gegenfrage: Wann hat der geneigte Leser zuletzt sein Geld (im obigen Fall nach heutigem Wert rund 9 Millionen Euro) selbst gedruckt, darauf mit seiner Unterschrift die Echtheit bestätigt und im Laden ums Eck damit ein Nahrungsmittel erworben?

Um zu verstehen, wie und warum es heutzutage möglich ist, seine private Zentralbank am heimischen PC zu betreiben, und was das für uns alle bedeutet, ist es nötig, ein wenig auszuholen.

Was ist Geld?

Die meisten Volkswirtschaftler machen es sich einfach und folgen immer noch der Gelddefinition von Karl Marx, wie er sie in „Das Kapital“ beschrieben hat. Sie definieren Geld im Grunde funktional. Das bedeutet, dass Geld ein zu beziffernder Maßstab sei (und keine Ware oder Produkt), der den Wert einer Ware oder Dienstleistung bemisst. Beziffernd meint objektivierbar, was wiederum nichts Anderes bedeutet, als dass ein mathematisches Modell zur Wertfindung eines Gutes genutzt werden kann. Klingt kompliziert? Ist es auch. Und dazu noch ein riesiger Irrtum, jedenfalls dann, wenn man der Österreichischen Schule folgt, die gemeinhin etwas abwertend auch als ‚Psychologische Schule‘ bezeichnet wird.

Welchen Wert haben ein Gut, ein Produkt, eine Ware oder eine Dienstleistung? Und ist dieser Wert objektiv darstellbar? Also immer? Mitnichten. Das berühmte Glas Wasser in der Wüste, das einem vor dem Verdursten retten kann, besitzt einen Wert, der gar nicht hoch genug zu beziffern ist. Wohingegen eine Flasche Perrier im Laden 1,80 Euro kostet. Welcher Preis stellt also den echten, den so genannten ‚intrinsischen‘ (inneren) Wert für das Glas Wasser dar? 1,80 Euro oder 1.000.000 Euro, was einem sein Leben schon ‚wert‘ sein sollte?

Photo: Berlin-George (cropped), CC BY-SA 3.0

Damit wären wir beim Preis, genauer bei der Preisfindung. Der Wert einer Ware entspricht selten dem Preis einer Ware. Die ‚Österreicher‘ berechnen den Preis eines Gutes u.a. mit Hilfe des so genannten Grenznutzens. Dieser besagt, dass je geringer das Angebot eines Gutes, desto höher die subjektive Befriedigung bei Erhalt desselben ist. In der Wüste fast verdurstend, verwandelt sich das Glas Wasser in einen Lottogewinn. Der Preis dieser Ware ändert sich also latent, ist nicht objektiv feststellbar, sondern wird rein subjektiv durch das individuelle Bedürfnis festgelegt. Und genau diese Unterscheidung nehmen die ‚Österreicher‘ vor. Sie unterscheiden zwischen dem Wert und dem Preis einer Ware – und zwar weit strenger und damit eindeutiger, als es alle anderen ökonomischen Denkrichtungen tun. Diese ‚Subjektive Wertlehre‘ bildet den Mittelpunkt zur Preisfindung.

Der Preis von Geld

Wenn es um das Verständnis unseres aktuellen Geld- und Währungssystems geht, lautet die Gretchenfrage: Was ist eigentlich der Preis von Geld? An dieser Frage kristallisiert sich das große Unverständnis der meisten Ökonomen unserer Zeit. Selbst Hochschulprofessoren geraten bei der Frage gerne ins Stocken und lavieren um eine einfache Antwort herum wie um den sprichwörtlichen heißen Brei. Dabei gibt es auf die Gretchenfrage so etwas wie eine Gretchenantwort, und sie lautet: „Der Zins“.

Denn bei jeder Art von Geld handelt es sich zugleich um eine Ware, deren Preis und Wert individuell festgelegt werden muss: eine objektive Preisfindung existiert nicht – und es kann sie eigentlich überhaupt nicht geben, zumindest nicht auf Dauer. Der Preis des Geldes ist immer relativ, sagen die „Österreicher“.

Der Wert von Geld

Die Österreichische Schule wird oft auch als ‚Psychologische Schule‘ bezeichnet, weil bei den Österreichern die Preisfindung als Ausgangspunkt jeden menschlichen Handelns im Mittelpunkt steht. Ein ausschließlich rational agierender ‚Homo Oeconomicus‘, der in mathematische Modelle erst hineingerechnet werden muss, hat hier keinen Platz. Den Österreichern dient nicht irgendein theoretischer, mathematischer Wert als ökonomischer Faktor, sondern erst das Ergebnis des individuellen Preis- und Wertfindungsprozesses.

Hier hilft das Mises´sche Regressionstheorem weiter, das komplizierter klingt als es ist. Das Theorem des großen Ökonomen der Österreichischen Schule besagt, dass Menschen Geld einen Wert beimessen, weil sie die Erfahrung machten, dass dieses Geld auch gestern Wert besaß. Der gestrige Wert gestern resultiert aus dem Umstand, dass das Geld auch vorgestern Wert besaß, und so weiter. Bis zurück zum ersten Geldschein, der nur deshalb Wert besaß, weil der Nutzer dafür Gold eintauschen konnte und dies auch tat.

Mit anderen Worten: Geld besitzt nur deshalb Wert, weil Käufer und Verkäufer daran glauben, dass dieses Geld Wert besitzt. Und das glauben sie, weil sie die Erfahrung gemacht haben, dass diesem Wert schon in der Vergangenheit ein gewisser Preis beigemessen wurde.

Bitcoin ist kein Geld, sondern digitales Gold

Damit schließt sich der Kreis zur Kryptowährung Bitcoin, denn Bitcoin ist kein Geld, sondern digitales Gold. Satoshi Nakamoto, der anonyme Bitcoin-Erfinder, hat diesen Umstand wortwörtlich in sein Gründungs-White-Paper geschrieben. Was leider weitläufig in Vergessenheit geriet und dadurch viele Fehlschlüsse und Missverständnisse erzeugte, obwohl nur vor diesem Hintergrund die eminente Bedeutung der Digital-‚Währung‘ überhaupt erst verständlich wird.

Die Unterscheidung zwischen Bitcoin als Geld bzw. Bitcoin als Gold ist deshalb grundlegend, weil man zwar auch Waren mit Gold bezahlen kann, aber dies nur mit sehr großem Aufwand möglich ist. Darum hat sich in der Geschichte die Goldbindung von Geldwährungen durchgesetzt, ohne jedoch das Gold an sich aus seiner Zahlungsmittelfunktion zu entlassen. Die Doppelnatur blieb. Jedes Zahlungsmittel besitzt aber nur den Wert, der ihr durch das Vertrauen auf einen “echten”, intrinsischen Wert dahinter beigemessen wird.

In den 1970er Jahren kam es im Westen zu einem Paradigmenwechsel. An die Stelle des Vertrauens in die goldbesitzenden Geldverleiher trat das Vertrauen in den starken Staat, der von nun an mittels Gesetzen als Gelddrucker fungiert, dessen Durchführung er an die Zentralbanken ausgelagert hat.

Versteht man dieses Prinzip des Vertrauens in eine Geldwährung, das ihr erst den Wert gibt, dann versteht man auch, dass dasselbe Prinzip ebenfalls für Gold gilt. Denn welchen intrinsischen Wert hat Gold? Keinen, es sei denn es gibt Bedarf danach, weil die Erfahrung bewiesen hat, dass sich gestern ein Preis am Markt gefunden hat, der auch heute in der Erinnerung Gültigkeit findet.

Nur die ‚Österreicher‘ verstehen Bitcoin & Co

Am 21. Mai 2010 kaufte also unser findiger Bitcoin-Miner die legendären zwei Pizzen um exakt 10.000 Bitcoins. Der Anfang vom Bitcoin als „goldenes Zahlungsmittel“ war vollbracht. Ab nun – und dieser Prozess dauert inzwischen fast genau 8 Jahre an – blicken Menschen in die Vergangenheit zurück und erinnern sich an die Erfahrung, dass Bitcoin auch ein Zahlungsmittel sein kann, obwohl es in Wahrheit ein digitales Goldäquivalent darstellt. Es war die Geburtsstunde des ersten ‚digitalen Goldes‘.

Der Bitcoin beweist die Theorie der ‚Österreicher‘ rund um Menger, Böhm von Bawerk, von Mises und von Hayek und anderen: Geld kann als eine Ware zum Tauschen verstanden werden, als ein Tauschmittel, und als sonst nichts.

Die Österreichische Schule geht davon aus, dass der Wert einer Sache oder Dienstleistung im Grunde nur von zwei Faktoren bestimmt wird. Einerseits von der Knappheit und andererseits von der Nützlichkeit des Gutes. Jede zusätzliche Eigenschaft leitet sich bloß davon ab und führt zur Preisfindung – das gilt auch für Bitcoins.

Auf dem Prinzip der Erinnerung basierend, dass Anbieter von Pizzen die digitale Einheit Bitcoin als Zahlungsmittel akzeptieren, bilden sich Angebot und Nachfrage nach dieser „digitalen Währung“, die mit Gold die Knappheit und mit Geld die Nützlichkeit gemeinsam hat, jedenfalls derzeit noch. In Zukunft kann sich der digitale Geld- vom Goldwert trennen, so wie das einst auch beim physischen Gold der Fall war.

„Chancellor on Brink of Second Bailout for Banks“

„Kanzler kurz vor einer zweiten Bankenrettung”. Diese Schlagzeile findet sich nicht bloß am 3. Jänner 2009 auf der Londoner Times, sie findet sich auch als Botschaft im allerersten Genesis-Block, also jener Blockchain, mit der Satoshi Nakamoto an diesem Tag die allerersten 50 Bitcoins schürfte.

Seine Botschaft ist klar: Eine ‚Bankenrettung‘ kann es ohne große Systemverwerfungen nur dann geben, wenn Geld nicht goldgebunden ist und somit nicht als knappes Gut gilt, denn nur dann ist die Geldmenge fast beliebig per Federstrich vermehrbar. Nakamoto, für wen oder was dieses Pseudonym auch immer stehen mag, verweist damit auf den in der Wissenschaft bekannten Cantillon-Effekt. Dieser besagt, dass unser aktuelles Zentralbankensystem eine Geldumverteilung von „unten nach oben“ vornimmt, und zwar systembedingt. Derjenige, der das Geld zuerst bekommt und damit auch gleich wieder ausgeben kann (Staat, Banken, Großanleger, usw.), entkommt der Inflation, der Geldentwertung, und kann einen zeitlichen Wettbewerbsvorteil gegenüber jenen verbuchen, die das aus dem Nichts erschaffene und mittlerweile entwerte Geld zuletzt in Händen halten, also Arbeiter und Angestellte, Rentner, usw.

Diese soziale Ungerechtigkeit, die das genaue Gegenteil von Kapitalismus bedeutet, weil sie auf staatliche Lenkungsmaßnahmen zurückgeht, nimmt Nakamoto ins Visier. Seine Antwort: Bitcoin sei das neue Gold unseres digitalen Informationszeitalters. Daran könne man in Zukunft wieder knappe Geldwährungen binden und der Ungerechtigkeit ein vorläufiges Ende setzen. Oder aber man verwendet Bitcoin selbst weiterhin als Zahlungsmittel, was jedoch aufgrund der Gold-Natur nicht für immer möglich sein wird – aus ganz praktischen Gründen, so wie beim physischen Gold.

Bereits für das Frühjahr 2018 hat das so genannte ‚Lightning Network‘ hierfür die passende Lösung angekündigt und verspricht ab dann die Möglichkeit, mit einer Bitcoin-gedeckten Währung im Internet bezahlen zu können. Man übertreibt nicht, wenn man behauptet, dass mit dem Funktionieren dieses Networks die Zukunft des Bitcoins steht oder fällt.

Blockchain in die Freiheit

Worin besteht aber nun die so genannte „Knappheit des Gutes“ beim Bitcoin? Die Antwort liegt in der genialsten Erfindung Satoshi Nakamotos: Mit Hilfe seiner Blockchain-Technologie und der daran geknüpften Kryptographie-Methode lässt sich zum ersten Mal in der Geschichte ein digitales Gut herstellen, das einzigartig und nicht duplizierbar ist. Erst durch diese Verknappung, vergleichbar mit Gold, wird ein Wert geschaffen, der an Börsen gehandelt werden kann.

Schon 1976 beschrieb von Hayek in “The Denationalisation of Money” im Prinzip genau diese Lösung für einen Wettbewerb der Währungen. Statt einer monopolistischen, staatlichen Zentralbank sollten private Währungen zueinander in Konkurrenz stehen. Denn Zentralbankgeld ist ‚Fiat-Geld‘ (von lat. „es werde“, weil es vom Staat quasi aus dem Nichts erschaffen werden kann), es hat keinen inneren Wert, zumal, wenn es nicht an die Goldreserven gebunden ist. Während ‚Warengeld‘ wie Gold neben dem äußeren Tauschwert auch einen inneren Markt-Wert hat, der unabhängig von Regierungserlässen ist, solange damit bezahlt werden kann.

Hayeks Forderung richtet sich nicht gegen staatliche Geldwährungen per se, sondern schildert die Vorteile für die gesamte Gesellschaft, wenn neben Fiat-Geldern auch alternative Zahlungsmethoden zur Verfügung stehen.

Heute, vier Jahrzehnte später erfüllt sich diese Vision. Der simple Heim-PC wird zur privaten Zentralbank. Ein jeder Mann, eine jede Frau, kann sich ein eigenes Zahlungsmittel selbst am PC erschaffen (‚minen‘) – und niemand kann es verhindern.

Das wiederum ist ein Gewinn an Freiheit in Zeiten zunehmender Unfreiheit.

 

Hat Ihnen der Beitrag gefallen? Dann unterstützen Sie bitte die SCHLAGLICHTER!

1 Kommentar

Kommentar verfassen