Feuilleton

Beobachtung eines Isolierten

Aus dem Corona Tagebuch (1)

Da wir alle derzeit gezwungen sind, innerhalb der eigenen Wohnung unser Leben zu verbringen, beginnt man mehr und mehr die Menschen in der unmittelbaren Umgebung zu beobachten, und dabei entdeckte ich eine Person, der ich bisher wenig Aufmerksamkeit gewidmet hatte. Die Person ist einfach immer da, ich muss nicht warten, nicht zur Tür blicken, nicht ungeduldig auf die Uhr schauen, Termin ausmachen erübrigt sich, und Pläne für die Zukunft machen keinen Sinn. Also nahm ich mir an einem Abend vor, am nächsten Tag mich näher mit dieser Person zu beschäftigen und nachzuholen, was ich glaubte, all die Jahre versäumt zu haben. 

Schon am Morgen während ich aus dem Bett kroch, fiel mir auf, dass die Beine dieser Person reichlich dünn geworden sind im Gegensatz zum Oberkörper, der eine Bauchwölbung zeigte, die man nicht übersehen konnte. Die einst stolzen Muskeln zum Beispiel rund um die Oberarme standen nicht wie frisch gebackene Semmeln vom Knochen weg, sondern hingen jetzt herab und verlangten vom Betrachter eine Menge Fantasie, um sich den verlorenen stolzen Körper vorzustellen. Du solltest mehr Sport machen, wagte ich ein wenig Kritik, doch die kam nicht gut an, und es folgte eine lange Erklärung, dass er doch mit Tennis, Schifahren, Wandern und Fitness zu Hause ständig in Bewegung, und der Verfall altersbedingt sei, gegen den man nichts machen könne, und ich hielt mich zurück mit weiterer Kritik, um die Atmosphäre nicht schon am Morgen zu belasten.

Nach dem Aufstehen vor dem Spiegel schlug ich vor, trotz der Isolation sich vielleicht einmal zu rasieren, doch es kam die kurze Antwort in Form einer Frage: Wozu? Also ließ ich es sein und ignorierte die länger werdenden Bartstoppeln. Gegen den wilden, grauen Haarbusch war ja nichts einzuwenden, da es keinen Frisör gab, der offen war. Dann ging es schnell weiter mit dem Anziehen, denn Kleidung in Zeiten der Krise bestand nur aus T-Shirt, Jogging-Hose und Pullover und mein Einwand, es könnte auch einmal eine andere Hose sein, wurde zuerst ignoriert und dann gekontert mit der Bemerkung, man bewege sich maximal von der Wohnung zum Supermarkt, und auch dort habe sich das Niveau der Bekleidung der Kunden in den letzten Tagen dramatisch vereinfacht und niemanden kümmere es. 

Zum Frühstück sah ich drei Stück dunkeln Toast auf dem Teller des von mir Beobachteten, und alle drei mussten vor dem Verzehr noch mit einem Messer von den verbrannten Rändern befreit werden. Ob es vielleicht möglich wäre, den Toaster eine Stufe zurück zu stellen, wagte ich einzuwenden, doch leider, wieder keine Antwort. Butter und Käse lagen auf dem Tisch und ein Glas mit Orangenmarmelade. Hätte ich dieses Stillleben auf dem Tisch mit einem Foto vor fünf, vor zehn, vor zwanzig oder dreißig Jahren verglichen, wäre kein Unterscheid erkennbar gewesen. Höchsten die Marke des Käses oder der Marmelade, je nachdem ob in Wien, Berlin, New York, New Delhi, Singapur, Hong Kong oder Chicago aufgenommen, aber ansonsten wiederholte sich das Frühstück seit Jahrzehnten als gäbe es nichts anders im Kühlschrank. Meine Frage: ›Vielleicht ein gekochtes Ei gefällig?‹ wurde mit dem Hinweis abgeschmettert, das hier sei kein Kaffeehaus.

Nach dem Frühstück verschwand die Person mit der Zeitung, die trotz Virus immer noch am Morgen zugestellt wurde, auf der Toilette. Die Gattin seufzte als hätte sie sich gewünscht, wenigstens einmal die Zeitung lesen zu können, bevor sie aufs Klo verschwinden würde, aber es war schon zu spät. Sie landete zehn Minuten später auf dem Esstisch, jetzt für jeden/jede verfügbar.

Was nun tun mit solch einem Tag, an dem nichts zu tun ist und nichts getan werden kann. Ich wartete geduldig, und das Opfer meiner Beobachtungen setzte sich an den Schreibtisch und schaltete den Computer ein. Emails wurden zuerst gelesen, manche auch beantwortet. Dann konzentrierte sich mein Held auf Meinungen auf Twitter und Facebook mit verschiedensten Lauten und Ausbrüchen als Begleitmusik wie: ›verdammt, so ein Blödsinn, na typisch, schon wieder der, ist ja nicht zu fassen, puh, oiwei, szszsz‹, und noch andere, die schwer zu formulieren sind. Ich beobachtete eine gewisse Erregung und wagte den Versuch, beruhigend einzugreifen mit der Bemerkung, das würde sich doch nicht auszahlen, darauf zu reagieren, und es wäre keine Aufregung wert. Doch diesmal gab es nicht einmal eine Reaktion auf meine Bedenken. Blitzschnell wurde in die Tasten geklopft, und schon war es weg, gesendet und nicht mehr zurückholbar, eine Antwort kam postwendend und die nächste Reaktion darauf, wieder begleitet mit Selbstgesprächen wie ›na warte‹ und ›das gibt’s doch nicht‹. Das ging so eine Weile hin und her bis die Person aufstand und den Schreibtisch mit den Worten verließ: ›Lauter Idioten!‹

Nach diesem kurzfristigen Ausbruch aus der Einsamkeit in die Welt der Social Media ging es zurück in die Küche, der Kaffeeautomat wurde wieder eingeschaltet, und während dieser die Bohnen zerrieb und der Kaffee dann in die Tasse tropfte, wieder ein Blick auf das Mobiltelefon, ob noch weitere Personen auf die Frechheiten auf Twitter und Facebook reagiert hätten. Doch es verlangsamte sich die Häufigkeit, kaum noch jemand schrieb zurück, und die Provokationen verloren sich langsam in den Irrgärten der tausenden Wortmeldungen, und ich erinnerte an meine Warnung, dass Aufregungen und Antworten ziemlich sinnlos wären und keinen Einfluss hätten. Und meine Einwände wirkten diesmal, unser Held nahm die Beleidigungen, die sich zwischen den Antworten häuften, gelassen und mit einem Lächeln, als würde er sich darüber freuen.

In der Küche standen noch Reste vom Bäckereibesuch des Vortages. Eine halbe Kokos-Kuppel und Dreiviertel einer Powidl-Golatsche, nicht mehr ganz frisch, doch was soll’s, sonst sei eben nichts da, und in der Verzweiflung genüge auch das von gestern, sagte er leise vor sich hin als müsste er sich selbst überreden. Warnungen wie ›man habe sich doch vorgenommen, weniger Süßes zu essen‹ wurden mit dem Argument zur Seite gefegt, ›man werde sich doch in diesen schwierigen Zeiten doch noch etwas gönnen dürfen‹, und die Reste der beiden Süßigkeiten verschwanden innerhalb von Sekunden. 

Nach Kaffee, Mehlspeisen, Auseinandersetzungen auf Twitter und Facebook blieb nicht mehr viel übrig in diesen Tagen, und ich beobachte neugierig, was der Person nun einfallen würde und tatsächlich, es passierte etwas. Er zog sich die Schuhe an, suchte nach Geld und einer Einkaufstasche und machte sich auf den Weg zum nächsten Supermarkt. Dort angekommen benahm er sich – wir sind uns ja inzwischen im Klaren, dass die Person ein Mann ist – wie ein Kind in einem Spielzeuggeschäft, ging begeistert die Gänge auf und ab, sah sich die verschiedenen Senftuben minutenlang an, als sei er verwundert, was für Sorten Senf es gäbe, studierte die wenigen Packungen Klopapier, die noch übrig waren und drückt sie, ihre Weichheit untersuchend, bis er sich entschied, einfach die teuerste zu nehmen, und obwohl ich ihn erinnerte, dass er bereits am Tag zuvor zwei mitgenommen hatte – er blieb dabei. Wenn alle Klopapier kaufen würden, warum dann nicht auch er.

An der Kasse wartete kaum jemand, da in den letzten Tagen die Ängstlichen unter den Isolierten derartige Mengen eingekauft hatten, dass es Wochen dauern würde, bis alles aufgebraucht war. Unser Held zahlte eine Tube Senf, eine Tafel Schokolade und eine Packung Toilettenpapier und machte sich auf den Weg, noch kurz vor dem Verlassen des Geschäfts zurückblickend, ob es nicht doch noch etwas geben würde, das man vergessen hätte, man könne vielleicht noch einmal durch die Gänge gehen, um erinnert zu werden, und mein Einwand, selbst das, was er heute gekauft hätte, wäre völlig sinnlos gewesen, wurde mit dem Einwand beantwortet: ›Der Supermarkt würde derzeit alles ersetzen, das Theater, das Kino, die Restaurants und Cafés, das ließe er sich nicht wegnehmen, egal wie sinnlos die Einkäufe wären.‹

Die Nachmittage widmete er dem Telefon. Kinder, Verwandte, Freunde riefen an, wurden angerufen, und man versicherte sich gegenseitig, dass man noch gesund sei. Hinweise der Jüngeren, unser Held sollte besonders auf sich aufpassen, da er in der Risikogruppe sei, beantwortete er immer mit demselben Satz, er sei sein ganzes Leben lang in der Risikogruppe gewesen und brauche jetzt keine guten Ratschläge. Ein Gespräch mit einem Freund, der etwa gleich alt ist, kam nicht besonders gut an, als unsere Person dem Zuhörer versicherte, der Freund sehe die ganze Gefahr aus einem falschen Blickwinkel, da er in den verbleibenden Jahren nicht nachholen könne, was er bisher versäumt habe, egal ob ihn das Virus erwischen würde oder nicht.  Der durch diese aufmunternden Worte voll motivierte Freund legte einfach auf, ohne sich zu verabschieden und nahm sich vor zu versuchen, die weiteren Wochen Isolation ohne die Ratschläge des Freundes zu überleben.

Nach einem Abend vor dem Fernsehgerät, an dem nicht mehr viel passierte, ging der Tag ohne weitere Aufregungen zu Ende, und ich versuchte vor dem Schlafengehen rückblickend ein Urteil über diese Person. Doch es war schwierig, sie zu bewerten, zusammenzufassen, was man so gut kennt und näher gar nicht kennen möchte. Die Person ist mir bekannt und fremd zugleich, reagiert so wie ich es erwartet hatte und erstaunt mich dennoch mit manchen Entscheidungen und Reaktionen, und scheint in ihrer Gesamtheit nicht mehr beeinfluss- oder veränderbar, egal welche Argumente ich vorbringe.

Die Krise hat wenig verändert, es war kein typisches Verhalten in der Isolation zu beobachten, das sich vom Alltag der normalen Zeiten wesentlich unterschieden hätte. Die grundlegenden Eigenschaften setzten sich höchstens noch markanter durch und zeigten ein Bild der Gewohnheiten, Wiederholungen und Eigenheiten, die auch beruhigend wirken – man ist auch in der Krise sich selbst treu geblieben und derselbe Idiot wie vorher.

 

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