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Asperger Nazi-Syndrom

Mahnmal für die Kinder vom Spiegelgrund, Haeferl, CC BY-SA 3.0

Eine österreichische Karriere

Der weltweit anerkannte Begriff Asperger-Syndrom als Beschreibung einer Form des Autismus und dramatischer Entwicklungsstörung wird nach einem österreichischem Arzt benannt, der diese Merkmale zum ersten Mal beschrieb und weltweit dafür geehrt und geachtet wird. Weitgehend unerwähnt bleiben seine Verbrechen während der Nazi-Zeit, als er für den Tod hunderter behinderter Kinder verantwortlich war.

Hans Asperger, 1906 in Wien geboren, wo er 1980 als verehrter und geehrter Wissenschaftler und emeritierter Professor für Heilpädagogik starb, konnte sich nach dem Krieg sogar als Anti-Nazi durch die Institutionen lügen, ohne dass jemand auf die Idee kam, seine kriminelle Karriere zu hinterfragen oder zu recherchieren. Er war nie Mitglied der NSDAP, und es gelang ihm aufgrund dieser Tatsache, sich später als Gegner der nationalsozialistischen Euthanasie-Politik darzustellen, der angeblich sogar sein Leben riskiert hätte, um Kinder zu retten. Erst 2014 publizierte der Medizin-Historiker Herwig Czech die ersten kritischen Untersuchungen über Aspergers Beteiligung an der Kinder-Euthanasie »Am Spiegelgrund«, der Jugendfürsorgeanstalt »Am Steinhof« auf der Baumgärtner Höhe in Wien, wo behinderte und »nicht-erziehbare« Kinder systematisch ermordet wurden.

Doch es musste wieder eine US-Autorin – Edith Sheffer von der University of California – sich finden, die ganze Schweinerei rund um den Nazi-Doktor aufzuarbeiten und in einem neuen, ausgezeichnet recherchierten und geschriebenen Buch zusammenzufassen: »Asperger’s Children – The Origins of Autism in Nazi Vienna«.

Der »NS-Wert« des Lebens

Der hochverehrte Forscher aus der »anständigen, katholischen Familie« entpuppt sich auf der Grundlage neu-recherchierter Dokumente als fanatischer Nationalsozialist, der im Sinne der damaligen Interpretation vom »Wert« des Lebens die »rassenhygienischen Theorien« nicht nur unterstützte, sondern sie »wissenschaftlich« rechtfertigte. In einer Publikation aus dem Jahr 1939 schrieb er:

Im neuen Deutschland haben wir Ärzte zu unseren alten eine Fülle neuer Pflichten übernommen. So wie der Arzt bei der Behandlung des einzelnen oft schmerzhafte Einschnitte machen muss, so müssen auch wir aus hoher Verantwortung Einschnitte am Volkskörper machen: wir müssen dafür sorgen, dass das, was krank ist und diese Krankheit in fernere Generationen weitergeben würde, zu des einzelnen und des Volkes Unheil, an der Weitergabe des kranken Erbgutes verhindert wird.

Aspergers Krankheits-Theorien wurden in Wien und Berlin bei den zuständigen Stellen zu »Endlösung« und Euthanasie mit Begeisterung aufgenommen. In einer Beurteilung seines Wirkens heißt es: »In Fragen der Rassen- und Sterilisierungs-Gesetzgebung geht er mit den nationalsozialistischen Ideen konform. In charakterlicher sowie politischer Hinsicht gilt er als einwandfrei« – so viel zu seiner Behauptung, er sei ein Gegner des NS-Regimes gewesen und habe sich dafür eingesetzt, Menschenleben zu retten…

Asperger bewarb sich 1939 um die Mitgliedschaft im »Nationalsozialistischen Ärztebund«, einer bereits 1929 gegründeten Ärzte-Vereinigung, die als dritte »Kampforganisation« der Nationalsozialisten neben der SA und der SS galt. Kein anderer Berufstand, weder Juristen noch Lehrer, hatte so viele Mitglieder wie der NS-Ärzte-Bund. Bereits am 22. April 1933 setzte die NS-Ärztevereinigung durch, dass »nicht-arischen« Ärzten die Kassenzulassung entzogen wurde. Die freigewordenen Kassenstellen übernahmen junge »arische« Medizin-Absolventen, die weder von der Ausbildung noch von der Erfahrung die jüdischen Ärzte ersetzen konnten. 1938 wurde noch den wenigen »nicht-arischen« Ärzten die Approbation entzogen, und sie durften sich nur mehr »Krankenbehandler« nennen. Gerhard Wagner, der den NS-Ärztebund seit 1932 leitete und die Position des Reichsärzteführers hatte, war maßgeblich am Entwurf der »Nürnberger Gesetze« beteiligt und forderte auch ein Heiratsverbot für sogenannte »Halb- und Viertel-Juden«, was jedoch nach Hitlers Intervention nie als Gesetz aufgenommen wurde. Wagner starb 1939 und sein Nachfolger Leonardo Conti erhängte sich während des Nürnberger Prozesses in seiner Zelle.

Aspergers Gönner und Förderer war der Grazer Arzt Franz Hamburger, der sich sehr früh dem »Steirischen Heimatschutz« anschloss und bereits 1924 alle Jüdischen Ärzte auf der Kinderklinik in Graz durch seine Gefolgsleute ersetzte – unter ihnen der junge Arzt Hans Asperger. Hamburger war einer der Gründer der Gesellschaft für Rassenhygiene, trat bereits 1934 der NSDAP bei und später dem NS-Ärztebund. Er forderte die Sterilisierung von »schwachsinnigen« und diabetischen Kindern, war maßgeblich an den Morden »Am Spiegelgrund« beteiligt und bekam 1944 von Adolf Hitler die »Goethe Medaille für Kunst und Wissenschaft« verliehen. Trotz seiner kriminellen Vergangenheit kam es nach 1945 nie zu einer gerichtlichen Verfolgung. 1930 bis 1945 leitete er die Universitäts-Kinderklinik in Wien, trat 1947 in den Ruhestand und veröffentlichte danach noch verschiede Fachbücher.

Öffnet man die Internet-Seite »Wien-Geschichte-WIKI« wird Franz Hamburgers Leben als das eines wichtigen Forschers auf dem Gebiet der Medizin beschrieben, ohne jeden kritischen Verweis auf seine Aktivitäten während und vor der NS-Zeit. Asperger blieb seinem Mentor ein Leben lang treu und veröffentlichte noch 1977 in einem Nachruf, dass Hamburger ein »großartiger charismatischer Lehrer für ihn gewesen sei und alles, was er von ihm lernen konnte, heute noch seine Bedeutung habe«.

»Am Spiegelgrund«

Neben Asperger nahm Hamburger auch den jungen Arzt Erwin Jekelius auf und die beiden arbeiteten jahrelang gemeinsam in Wien an der Lösung des Problems »behinderter Kinder«, das mit der Ermordung von fast tausend Kindern endete. Die Grausamkeit von Erwin Jekelius war selbst seinen Vorgesetzten zu viel, und das Gaujugendamt leitete eine Untersuchung gegen ihn wegen »Überschreitung des Züchtigungsrechts« ein. Nur seine intime Beziehung zu Paula Hitler, der Schwester von Adolf Hitler, retteten ihn vor einem Verfahren. Paula ersuchte ihren Bruder Adolf, Jekelius heiraten zu dürfen, doch der Führer lehnte ab, und so beendete die Schwester die Beziehung.

Jekelius wurde daraufhin als Truppenarzt zur Wehrmacht eingezogen, konnte jedoch durch seine Beziehungen zur Familie Hitler erreichen, dass man ihn zurück holte und als Chefarzt im Altersheim Lainz einsetzte. Bei einem Fluchtversuch wurde er von der Roten Armee verhaftet und 1948 in Moskau zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt.

Durch einen Zufall fand man 2005 in einem Archiv in Moskau die Verhörprotokolle, in denen Jekelius bis ins kleinste Detail die Auswahl und Ermordung der Kinder beschrieb, und sowohl den Wiener Arzt Gross als auch Asperger belastete. Während Gross der eigentliche Spezialist für die Tötung war – er hatte laut Jekelius sogar ein Seminar besucht, auf dem die Methoden zur Tötung von Kindern erklärt wurden – sei Asperger der Fachmann für die Auswahl der »unheilbar« Kranken gewesen.

Ernst Illing, der Nachfolger von Erwin Jekelius als Leiter des Instituts »Am Spiegelgrund«, der 1946 zum Tode verurteilt wurde, beschrieb während seiner Verhöre die totale Geheimhaltung der Tötungsmethoden im »Pavillon 15« am Spiegelgrund. Doch Asperger wusste ganz genau, was dort geschah, denn er war der »Berater« des Instituts, der entschied, auf welche Krankenhäuser neu aufgenommene Kinder verteilt würden.

In einem Dokument, das die Historikerin Sheffer in den Archiven fand, werden 210 Fälle beschrieben mit verschiedenen Störungen. Die von Asperger geleitete Kommission entschied, dass 35 von ihnen weder geheilt noch ihre Situation mit medizinischen Mitteln verbessert werden könnte, und sie daher zu Jekelius am Spiegelgrund geschickt werden sollten. Der genaue Ausdruck war: Ausgewählt für »Aktion Jekelius« – was einem Todesurteil gleichkam.

10 Prozent der ermordeten Kinder hatten das Down-Syndrom. Den Eltern dieser Kinder rieten die Ärzte der Kinderklinik (unter ihnen Asperger), dass eine Behandlung auf der Spezial-Abteilung Spiegelgrund eine Chance wäre, den Zustand zu verbessern. Nach einigen Wochen bekamen die Eltern einen Brief, in dem bedauert wurde, dass ihr Kinder leider an einer »Lungenentzündung« verstorben seien. Eine der Mütter, Luise Gschwandtner, deren Brief in den Archiven der Krankenanstalt gefunden wurde, äußerte gegenüber Jekelius den Verdacht, dass ihre Tochter vergiftet worden sei, worauf die medizinische Leitung des Mord-Institutes der Frau mit einer Verleumdungsklage drohte.

Aufarbeitung

Einige wenige der Verantwortlichen wurden nach Ende des Krieges zu Haftstrafen oder sogar zum Tod verurteilt. Doch wie durch ein Wunder überlebten andere diese Zeit ohne zur Rechenschaft gezogen zu werden und setzten erfolgreich ihre Karrieren fort. Gross und Asperger halfen nach dem Krieg die politischen Beziehungen zur SPÖ und das BSA-Schild (Bund Sozialistischer Akademiker), das beide jahrelang beschützte.

Während jedoch gegen Gross später ein Verfahren wegen seiner Verbrechen eingeleitet wurde, glitten an Hans Asperger alle Vorwürfe und Verdächtigungen ab wie Wasser an einem öligen Schutzmantel. 1971 bekam er die »Ehrenmedaille der Stadt Wien«, 1975 den »Innitzer Preis« und 1972 das Ehrendoktorat der Universität München. Seine Bücher sind weiterhin in allen Buchhandlungen verfügbar und werden im Lehrbetrieb eingesetzt. Nicht nur die Erkrankung wird nach ihm benannt, die »Wissenschaftliche Gesellschaft Autismus Spektrum« vergibt auch alle zwei Jahre eine »Kenner-Asperger-Medaille« für »langjährige Verdienste nationaler und internationaler Forscher«.

Der Fall Asperger zeigt auch die problematische Dimension der sogenannten Aufarbeitung der NS-Zeit in Österreich. Ein einziger Wissenschaftler eines Universitätsinstituts nahm sich die Mühe, die Dokumente und Unterlagen zum Fall Asperger zu recherchieren und der Wahrheit der heimatlichen NS-Verbrecher näher zu kommen.

Einer angeblich kritischen Medienlandschaft fiel der Fall Jahrzehnte lang nicht auf. Sie konzentriert sich lieber auf die aktuelle »politische  Verwertbarkeit« von Informationen und Unterlagen in Bezug auf NS-Zeit und Wiederbetätigung. Das Fehlen einer kritischen Identität und Verantwortung der Nachkriegsgenerationen betreffend der eigenen Vergangenheit verlagert daher Forschung und Dokumentation zwangsläufig immer wieder ins Ausland.

 

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