Feuilleton

Von Werten und Stiegen

Ein kostengünstiges Fitnessprogramm

Manches geht einfacher, zeitsparender und kostengünstiger als gedacht. Zum Beispiel ein erfolgreiches und nachhaltiges Fitnesstraining.

 »Ernö! Ich habe Werte!« Diese Feststellung verwunderte mich nicht, weiß ich doch, dass mein Freund Laszlo seinen Verpflichtungen als Budapester Orchesterintendant mit hohem Ethos nachkommt. 

»Nein! Ich habe dicke schwarze, schlimme medizinische Werte!« Der Erstkontakt mit dieser Art von Werten machte mich nachdenklich. Ein Gesundheitscheck bestätigte meine Befürchtungen. Von der vornehm-jugendlichen Blässe des Befundes unserer berüchtigt asketisch lebenden 103-jährigen Großtante war ich weit entfernt. Der befürchtete ärztliche Befehl: »Essen Sie weniger, und machen’s kräftig Sport!« 

Hilfesuchend wandte ich mich an meinen Bruder – er ist Arzt. Wie befürchtet – auch er läuft brav dreimal die Woche. Kurz darauf, nach einem Karrieresprung – keine Zeit mehr, ausgelaufen! Und dann der »werteverändernde« Satz meines Bruders: »Ich bin sicher, es ist ausreichend, die Bewegungsmöglichkeiten zu nutzen, die der Alltag bietet – keine Lifte, keine Rolltreppen, und dies mit Gelassenheit, aber mit etwas Tempo!«

So begann ich, alle erreichbaren Stiegen im Laufschritt zu bewältigen – und entdeckte erfreuliche Nebenaspekte. Der Sprint aus den Katakomben der U-Bahn verleiht sogar mir, einem angejahrten Bildungslobbyisten, einen Anflug von Frische, der auf die jugendlichen bildungspolitischen EntscheidungsträgerInnen offenbar vertrauensbildend wirkt. 

Das Denken »entgeriatriert« sich nach einer solchen kurzen »Sauerstoffwatsch’n«, das altersreduzierte Selbstvertrauen steigt wieder. Die kurze Dauer des Sprints verhindert, dass man in einem die Mitmenschen verärgerndem Ausmaß transpiriert. An einem durchschnittlichen Tag bewältigt man so eine dreistellige Anzahl von Höhenmetern in einem durchaus sportähnlichen Stil!

Nach einigen Monaten systematischen Stiegenrennens – der medizinische Befund veränderte sich erfreulich in Richtung der blassen Großtantenwerte, die bicylcikale Aufstiegszeit auf den Hausberg reduziert sich um ein Drittel, detto die Zahl der Rad»profis«, die einen überholen – das Hochgefühl ist unbeschreiblich! 

Die Vorteile des Stiegenrennens: Man benötigt keinen Papageienanzug, keine teure Designerbrille, keine ferngesteuerten Wägelchen zum anstrengungsvermeidenden Transport der Sportspielzeuge (Golf!) – null Kosten. Die Nachteile: kein Geschäft mit Papageienanzügen, Sportsehhilfen etc., auch die Werbewirtschaft verdient nichts. Den einen oder anderen verächtlichen Blick von Passanten steckt man rasch weg. Der größte Vorteil des Stiegenrennens für Zeitknappe: man ist rascher als auf jeder Rolltreppe, diese Art von Fitnesstraining »kostet« nicht Zeit, sondern spart Zeit!

Und die Nachhaltigkeit dieser unsportlichen Sportart? Seit dem Beginn der Stiegenrennerei sind nun knapp 20 Jahre vergangen. Unsere »Zeiten« mit dem Fahrradtandem, mit dem meine Frau und ich uns vergnügen, sind nun, tief im 7. Lebensjahrzehnt, so gut wie niemals zuvor. Allerdings befolgen wir auch den ärztlichen Rat »essen’s weniger« – und der Genuss beim quantitativ reduzierten »Kalorienschaufeln« erhöht sich drastisch!

 

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