Trotzdem Schifahren

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Die Wiederentdeckung des Semmering

»Haben sie auch Rennschi?« Fragt ein junger Mann, etwas rundlich, nicht all zu groß, mit oberhalb der Ohren hochgeschorenen, dunklen Haaren den Verkäufer im Sportgeschäft in Spital am Semmering, gleich hinter dem Parkplatz der Stuhleckbahn.

»Was meinst du mit Rennschi?«

»Na ja, ich fahr schnell, ich brauch gute Schi«, sagt er junge Mann.

»Machst du auch Bogen?« Fragt der Verkäufer und die anderen Wartenden, um Schuhe und Schi auszuborgen, beginnen zu lachen. Der selbstbewusste Rennläufer hustet nervös und antwortet nicht.

»Wenn du manchmal Kurven machst, probier’ doch Riesentorlauf-Schi«. Der Verkäufer dreht sich um, nimmt aus dem Gestell ein paar Schi und reicht sie dem selbstbewussten Sportler. Der beginnt sie zu begutachten, tastet die Kanten ab, fährt mit der Hand über die Lauffläche und sagt: »Ist aber nichts Besonderes«. 

»Nein, nichts Besonderes«, reagiert der Verkäufer, etwas lauter, aber immer noch freundlich. »Mit so einem Schi haben zwei Norweger 15 Medaillen diese Saison gewonnen.  Überleg dir’s halt noch«. Dann lässt er den verlegenen Schifahrer, der immer noch den Schi studiert, einfach stehen und wendet sich dem nächsten Kunden zu. 

Mit gesperrten Schizentren im Westen Österreichs boten die Schigebiete Zauberberg und Stuhleck am Semmering anfangs nur eine Notlösung, die sich jedoch aufgrund der guten Schneelage zu einem alpinen Vergnügen entwickelten. Vier Sessellifte bietet das Stuhleck und mehrere Schlepplifte. Die interessanteste Abfahrt ist die Steinbachalm, auf deren Gipfel meist ein eisiger Wind bläst. Sie beginnt langsam, eher flach und wölbt sich immer mehr in einen Steilhang, der von selbstbewussten Schiläufern oft in rasendem Tempo überwunden wird. Am Pistenrand eine Muggelpiste für die Wedelmeister. Die Promibahn ist eine FIS-Rennstrecke, die durchaus vergleichbar ist mit den Abfahrten in den bekannten Tiroler Gebieten.

Geduldige Schiverleiher  

Bereits beim Ausleihen zeigen Schifahrer/Innen ihre Persönlichkeit. Fachmännisch wird mit den Fachleuten der Sportgeschäfte diskutiert, die sich erstaunlich geduldig die oft absurden Wünsche anhören und versuchen, das Gewünschte anzubieten. Romantiker wählen Schi nach dem Aussehen, Enthusiasten nach Form und Belag, Eiferer nach dem Hersteller. Ein paar japanische Jugendliche wollen mit Straßenschuhen Snowboard fahren und ein junges Ehepaar möchte die gleichen Schi. Die gab es nicht in der geeigneten Größe, so entschied sich der Ehemann, einfach kürzere zu nehmen. Der Großteil begnügt sich mit den Vorschlägen der Angestellten, die auf die Frage: »Wie gut fährst du denn?« Meist die Antwort bekommen: »Na, so mittelmäßig«, und dann ohne lange zu zögern genau das Richtige auswählen.

Doch es gibt die Profis unter den Sonntagsfahrern, die mit konkreten Forderungen das Personal konfrontieren und Worte oft nachplappern, die sie von Übertragungen der Schirennen in Erinnerung haben. Wünsche nach besonders breiten, schmalen, kurzen, langen Schiern, mit einem bestimmten Drehwinkel und einer Schikante zwischen 88 und 90 Grad geschliffen. Man glaubt sich in einer Gruppe von Olympiateilnehmern, die das Material diskutieren. Die Mitarbeiter im Sportgeschäft zeigen eine unbeirrbare Ruhe, hören sich alles an, greifen nach kurzer Überlegung zwischen die aufgereihten Schipaare und die Kunden sind überzeugt, genau das zu bekommen, was sie verlangten ­– auch wenn wahrscheinlich nur drei verschiedene Paar Schi zur Verfügung stehen.

Verteilen sich die Sportbegeisterten auf den Pisten, zeigt der Fahrstil die Selbsteinschätzung. Die von sich Überzeugten, ihr Können überschätzend, mit zu langen Schiern meist zu schnell sind und nur mit Mühe einen Bogen schaffen, bedrohen alle anderen auf der Piste. Sie rasen den Berg hinunter mit schwingenden Armen und Stöcken, die Schi breit und unruhig wie der ganze Körper, nach vor, zurück, und zur Seite beugend, um die Unsicherheiten auszugleichen. Schifahrer weichen ängstlich aus, warten am Rand der Piste, um dem Schrecken, der sich den Hang hinunterstürzt, nicht im Weg zu stehen. 

Völlig unterschiedlich dazu die eleganten Techniker mit Slalomschi, die kaum zur Nase reichen, im alten Stil mit enger Schiführung und kurzem Schwingen, immer im Augenwinkel den Sessellift, ob zumindest einige, die den Berg hinauffahren, sie auch beobachten würden. Ruhig und gelassen geben sie den Rhythmus nie auf, ein Bogen folgt dem anderen, egal ob Eis, harter oder nasser Schnee, Mulde oder Hügel. Die Kontrolle der Beinarbeit ist so perfekt, dass über die Schier jede Unebenheit auf der Piste ausgeglichen wird. 

Dazwischen die Masse der Unerkannten, die wie junge Eisbären über die Hänge rutschen und einfach nur Spaß haben. Weder Geschwindigkeit noch perfekte Schiführung kümmert sie. Als Mittelmaß des Schizirkus von manchen bemitleidet, scheinen sie sich besonders zu amüsieren und genießen ohne Druck und Ansprüche das Schifahren.

Bleibt eine Minderheit unter den Schifahrern ­– die Perfektionisten – die wenigen, die Schnellfahren und Beherrschung der Schi kombinieren können. Diese stürmen die Hänge in großen Bogen hinunter in gebückter Haltung oft die Stöcke unter den Armen, um sich und allen auf der Piste zu beweisen, dass sie bei der Zusammenstellung des Teams für die letzte Weltmeisterschaft ungerechterweise übersehen wurden.

An den Seiten der Pisten die Tourengeher, langsam Schritt für Schritt mit ihren speziellen Bindungen, um die Ferse beim Hinaufgehen zu heben, auf Schi mit Fellen, die ein Abrutschen verhindern. Ein eigener Menschenschlag, die Tourengeher, meist hagere, drahtige Frauen und Männer mit braungebrannten Gesichtern, engen Hosen und einfachen Wollmützen, mit prall gefüllten Rücksäcken stapfen sie den Berg hinauf, zu Boden blickend, die anderen Schifahrer ignorierend, als wären sie taub oder nur mit sich selbst beschäftigt. 

Gaststätten geschlossen

Bei der Mittelstation, in der Nähe des Einstiegs zur Weissenelfbahn, bietet ein Gasthaus den erschöpften Schifahrern kalte Getränke, heißen Tee, Schokolade und Schnitten zur Selbstbedienung. Dankbar über dieses Angebot warten sie geduldig in einer Reihe hintereinander, da alle Lokale geschlossen sind. Ein junges Paar, beide in hellgelben Jacken, nähert sich dem Teetopf von der Seite. Der Mann mit runden, schwarzgerahmten Sonnenbrillen fragt in leicht nasalem Wiener Dialekt, um anzudeuten, dass er entweder aus Hietzing oder Döbling sei: »Gibt’s denn wenigstens Kaffee hier?« 

Einer der Wartenden schüttelt den Kopf und antwortet: »Nur Früchtetee«. Worauf der Durstige aus dem Wiener Nobelbezirk die Zunge rausstreckt, die Augen verdreht und voller Verachtung sagt: »Äh! Das ist ja widerlich!« Der Wartende ändert plötzlich den Dialekt, vergisst seine gute Erziehung und antwortet: »Bleib doch Z’haus, du Trottel!« Und sofort die Reaktion provoziert: »Also bitte, wie reden sie mit mir!« Der darauf reagiert: »Na, wie mit an Trottel halt! Wir sind doch froh, dass es überhaupt etwas zu trinken gibt!« Als aus der Reihe der müden Sportler zustimmendes Murmeln erklingt, verschwindet das noble Pärchen.

Wer sich nach dem Schivergnügen erschöpft am Parkplatz die engen Schuhe abstreift, findet dort einen LKW mit offener Rückseite, wo es Süßigkeiten, Wurstsemmeln, kalte Getränke und Kaffee gibt. Eine lebensrettende Einrichtung. Eine Mutter mit ihrer vielleicht zehnjährigen Tochter steht vor mir. Das Mädchen, verzweifelt, hungrig und durstig, bittet die Mutter, endlich etwas zu kaufen. Doch die fragt die Verkäuferin: »Haben sie nichts Gesundes?«

»Was meinen sie?« Fragt die Verkäuferin.

»Das ist ja alles voller Zucker und die Semmeln gibt’s nur mit Wurst!«

»Dann essen’s halt die Semmel ohne Wurst«, antwortet die Verkäuferin und die Mutter zieht das Mädchen an der Hand weg, das zu Weinen beginnt.

Ich bestelle eine Wurstsemmel, eine Flasche Mineralwasser und einen großen Braunen, als die Verkäuferin sagt: »Ich geb’ ihnen noch den Krapfen dazu, ich muss eh gleich zusperren«. 

Selten hat mir derart Ungesundes so gut geschmeckt.

Zuerst veröffentlicht in NEWS.


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Über den Autor / die Autorin

Peter Sichrovsky

Klassische Dilettanten-Karriere, wenig von viel und viel von wenig zu wissen, zu können, nach Studium der Chemie Marketing in Pharmaindustrie, dann Journalist, Schriftsteller, Mit-Gründer des Standards, SZ/Stern Korrespondent in Asien, EU-Parlamentarier, die letzten zehn Jahre Industrie-Karriere in Süd-Ost-Asien, 23 mal übersiedelt und nach Wien, Berlin, New York, München, New Delhi, Singapur, Hong Kong, Manila, Los Angeles und Brüssel in Chicago gelandet. Seit September 2017 lebt Peter Sichrovsky in London.

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