Feuilleton Im Schlaglicht

Quaken statt Schreiben

Enten-Journalismus

Der Spiegel-Autor Claas Relotius sammelte Preise und Ehrungen wie andere Briefmarken oder antike Kaffeetassen. 2014 als CNN Journalist of the year, der Peter Scholl-Latour-Preis und 2018 der Deutsche Reporterpreis sind nur sein paar wenige Beispiele. Noch am 3. Dezember dieses Jahres bei der Preisverleihung für den Reporterpreis lobte ein Mitglied der Jury seine Geschichte über einen syrischen Jungen, der glaubte durch einen Kinderstreich den syrischen Bürgerkrieg ausgelöst zu haben. Sie passte so gut in das beschränkte Vorstellungsvermögen der Jury-Mitglieder, dass sie mit wahrer Begeisterung reagierten, als endlich einer wieder das schrieb, was sie lesen wollten.

Am selben Tag, etwa 17 Stunden früher um 3.05 in der Nacht, meldete sich eine gewisse Janet per E-Mail in der Spiegel-Redaktion – sie ist verantwortlich für die Pressearbeit einer Bürgerwehr in Arizona, einer Art Privatarmee an der Grenze zu Mexiko. Janet habe seine Reportage im Spiegel gelesen und sei ziemlich verwundert, wie jemand, der dort nie aufgetaucht sei und mit niemandem gesprochen habe, eine Reportage schreiben könne mit Augenzeugenberichten und Interviews. 

Die Geschichte war die eine Lüge zu viel, wie wenn man bei einem Kartenhaus die unterste Karte herauszieht und alles zusammenbricht. Der viel gerühmte Relotius stolperte ausgerechnet über seinen Co-Autor, der den Betrug witterte und auf eigene Faust zu recherchieren begann. Juan Moreno, so heißt der Glaubwürdige der beiden Co-Autoren, versuchte gemäß seiner persönlichen, journalistischen Verantwortung die Arbeit des Star-Autors zu überprüfen und meldete das Ergebnis der Untersuchungen der Spiegel Chef-Redaktion. Die reagierte wie fromme Christen, denen man erklären würde, die Auferstehung habe nie stattgefunden, und attackierte sofort den Aufdecker der manipulierten Reportage und vermutete eine Intrige aus Eifersucht und Neid. Relotius wehrte sich mit den Mitteln, die er perfekt beherrscht – er verleumdet, erfindet, lügt, unterstellt, zerredet, begründet, verteidigt, attackiert – bis das verlogene Gerüst zusammenbrach und mit ihm das ganze erfundene Gebilde.

Der größte Medien-Skandal seit den Hitler-Tagebüchern wird im deutschen Sprachraum auf kleiner Flamme gekocht. Natürlich berichten die Medien darüber, der Spiegel versucht, die Tatsachen zu dokumentieren, bringt sogar eine Titelgeschichte in eigener Sache und auch die Stellungnahmen des Reporters, die sich lesen wie der dumme Witz, in dem ein junger Mann, der seine Eltern ermordet hat, um Mitleid bittet, weil er Vollwaise sei. 

Er sei der ständige Druck der Redaktion gewesen, Sensationen zu liefern, der Kampf um den Platz in der Zeitung, die Erwartungshaltung der Chefredaktion, usw. usw. Betrug habe natürlich seinen Grund und entsprechende Erklärungen und Rechtfertigungen folgten. Doch bei aller Kritik wird bei der Berichterstattung eine gewisse Sachlichkeit und Zurückhaltung bewahrt, und die eigentliche Ursache für solche erfolgreichen Manipulationen wird nicht weiter diskutiert. 

Sieht man sich nämlich die Reportagen des Fälschers genauer an, geht es darin nicht um Sensationen oder Informationen, die neu und überraschend wären. Hier wurde nichts »aufgedeckt«, was andere nicht finden konnten oder nicht entdeckten, hier wurde nicht recherchiert, um der Öffentlichkeit eine bisher unbekannte Information bieten zu können, hier wurde nicht gefragt, um einen Interviewpartner geschickt aus der Reserve zu locken – genau das Gegenteil hat der Autor angeboten, und es wurde mit Enthusiasmus aufgenommen.

Seine übertriebenen, erfundenen, gedichteten Interviews, Reportagen und Berichte bestätigen eine bestimmte moralisch-politisch-inhaltliche Erwartungshaltung und nicht eine journalistische. Der Reporter hat jene Form der Propaganda geliefert, die von der Chefredaktion erhofft und mit euphorischer Faszination aufgenommen wurde, weil sie inhaltlich ihren eigenen Klischees und Vorurteilen entsprach. 

Die Chefetagen der Deutschen Medien verhielten sich wie Informations- und Zensurzentralen in Diktaturen. Relotius lieferte in einem sich wiederholenden Rhythmus Aufgekochtes und Aufgewärmtes, das der eingeschränkten und segmenthaften Infomations-Philosophie des modernen Medien-Managements entsprach, und wurde dafür etliche Male ausgezeichnet. Wie ein tapferer Soldat, der Befehle befolgt und mithilft den »Feind« zu besiegen, in diesem Fall den ideologischen, bekam er die zahlreichen Ehrungen zurecht, denn er hatte mitgeholfen, aus dem deutschsprachigen Journalismus das zu machen, was seine Chefs von ihm wollten – eine manipulierte Miss-Informationspolitik.

Seine Methoden der gezielten Falsch-Information erleben Konsumenten der Medien bei den verschiedensten Themen, wie zum Beispiel Israel, Nahost-Politik, Hamas, Iran, USA, Antisemitismus, rechts-extreme Ausschreitungen, Linksextremismus, Asylpolitik, Kriminalität von Flüchtlingen, Islam, Terrorgefahr und so weiter. Die reduzierten Meinungen dazu ziehen sich als roter Faden durch all diese Themen, sie lassen sich auffädeln wie einfarbige Kugeln auf einer Kette, die der »anständige« Teil der Medienindustrie für alle erkennbar um den Hals trägt. 

Fake-News im Dienst der vermeintlich guten Sache

Als handwerklicher Genosse von Relotius hat sich jetzt auch noch der österreichische Schriftsteller Robert Menasse entpuppt, nachdem der Historiker Heinrich August Winkler ihm nachgewiesen hatte, dass er bei Reden, Analysen und Essays seine persönliche Interpretation Europas anderen in den Mund gelegt hatte, um die Unterstützung zu bekommen, die er für notwendig hielt. Auch seine Rechtfertigung liest sich verdammt ähnlich wie die des Kollegen beim Spiegel: »Was kümmert mich das Wörtliche, wenn es um den Sinn geht.«

Um welchen »Sinn« eigentlich? Ich kann hier nur den »Unsinn« erkennen, durch Manipulation und Lüge die eigenen reduzierten Vorstellungen des vermeintlich »Sinnvollen« zu untermauern. Menasse behauptet auch noch, dass Walter Hallstein – den er wiederholt falsch zitierte oder überhaupt erfundene Aussagen von ihm wiedergab – das sicher alles sagen wollte, was er ihm in den Mund legte, und unternimmt damit das gewagte Experiment, Toten zu unterstellen, was sie gesagt hätten.

Doch was soll’s. Solange man wie Menasse gefeiert wird als Held im Kampf gegen »Rechts«, und einem die Glaubensbrüder und Schwestern stehend applaudieren, fühlt man sich anscheinend beschützt und verteidigt, egal wie oft man lügt und verfälscht.

Berichte, die Nachrichten, Reportagen und Interviews liefern heute in den meisten Fällen kaum neue Informationen. Stattdessen wird versucht, eine bereits vorgefasste Position zu unterstützen, zu untermauern und zu rechtfertigen. Die traditionelle Aufteilung bei Zeitungen in Nachricht, Analyse, Recherche und Kommentar hat sich weitgehend aufgelöst. Mit der Absicht, bereits im Bericht die eigene Position bekannt zu geben und nicht erst im Kommentar, sind Berichte wie Kommentare und Kommentare wie Leserbriefe geschrieben. Daraus ist ein langweiliger Meinungs-Brei geworden, der nicht nur keine Überraschungen zulässt, sondern das Bekannte und Erwartete auch noch polemisch und völlig uninteressant präsentiert und immer wieder wiederholt.

Viele Zeitungen und Magazine haben finanzielle Schwierigkeiten, die Auflagen gehen zurück, und fast wöchentlich wird ein Produkt eingestellt. Als Gründe werden unter anderem das Internet genannt, der Rückgang der Werbung und ein neues Leseverhalten der jüngeren Generation. Vielleicht beginnen verantwortliche Chefredaktionen und Herausgeber, sich endlich einmal mit dem Niveau ihrer Produkte zu beschäftigen, mit der Auswahl ihrer Mitarbeiter und der grundsätzlichen Produkt-Philosophie, wie jedes andere Markenartikel-Unternehmen. Wenn der Konsument sich von einem Produkt verabschiedet, ist in erster Linie die Qualität des Produkts dafür verantwortlich und nicht ausschließlich die Veränderung des Marktes – das wollen die Verantwortlichen offenbar nicht zur Kenntnis nehmen.

 

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