Neue Helden braucht das Land

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Das Heldentum ist aus der Mode gekommen. Das ist schade. Denn dieses Jahr hat tausende Helden hervorgebracht, deren Geschichten an den digitalen Lagerfeuern erzählt gehören.

Gäbe es einen Preis für die Helden des Jahres 2022, fiele die Wahl wohl auf die Frauen und Männer im Iran, die mit leeren Händen gegen die islamo-faschistische Diktatur anrennen, ohne Waffen, ohne Unterstützung durch das Ausland, nur auf sich allein gestellt.

Hunderte von ihnen sind erschossen, erschlagen oder zu Tode gefoltert worden. Ihre Namen findet man, sofern bekannt, auf Websites wie Iran Protests. Das Frauenkomitee des »Nationalen Widerstandsrat Irans« (NCRI) berichtet über Frauen, die für die Freiheit gefallen sind. Frauen wie Nika Shakarami, die bereits im ersten Monat der aktuellen Proteste von Regierungskräften ermordet wurde.

In der Nacht zum 21. September sagte Nika Shakarami ihrer Mutter am Telefon, sie werde von der Polizei gejagt. Es war ihr letztes Lebenszeichen. Wenige Stunden davor aufgenommene Videos zeigen Nika, wie sie bei einer Demonstration ihr Kopftuch verbrennt. 

Mutiger Widerstand

Ein anderes von der BBC veröffentlichtes Video zeigt die 16-Jährige, wie sie fröhlich kichernd und ohne Kopftuch ein Lied singt – ein doppeltes Zeichen des Widerstands: öffentliches Singen ist Frauen im Iran verboten, wenn sie dabei im Vordergrund stehen.

Zehn Tage lang konnte die iranische Regierung ihren Tod geheim halten, bevor die Behörden ihre Familie in der Leichenhalle einer Haftanstalt für ein paar Sekunden ihr Gesicht sehen ließen, gerade lang genug, um sie identifizieren zu können. Dann zwangen sie die Familie, öffentlich über die Todesursache zu lügen, andernfalls weitere Angehörige ermordet würden.

An ihrem 17. Geburtstag sollte Nika Shakarami in der Heimatstadt ihres Vaters bestattet werden. Kurz davor stahlen Geheimdienstmitarbeiter ihren Leichnam aus dem Leichenschauhaus und beerdigten sie heimlich in einem abgelegenen Dorf. Nicht einmal im Tod ist man vor den Schergen des Regimes sicher.

Iranian Lives don’t Matter.
Zumindest zählen sie nicht gleich viel.

Warum kniet niemand für die Menschen im Iran?

Die jungen Demonstrantinnen und Demonstranten im Iran stehen in einer langen Tradition. Schon am 8. März 1979 gingen mehr als 15.000 Frauen in Teheran auf die Straße. Ganz ohne Instagram, WhatsApp, oder Telegram versammelten sie sich in der iranischen Hauptstadt, um gegen die drohenden Bekleidungsvorschriften der Islamisten zu protestieren. Am Tag zuvor, ausgerechnet am Internationalen Frauentag, hatte Ayatollah Khomeini verkündet, dass Frauen künftig beim Verlassen des Hauses ein Kopftuch tragen müssen. Zuversichtlich lächelnd, ihre Arme energisch zum Protest erhoben, marschierten die persischen Frauen daraufhin eine Woche lang durch die Straßen Teherans.

Heute sind es ihre Töchter und Enkelinnen, die sich – zusammen mit viel mehr Männern als 1979 – für die Freiheit erheben. Auf Unterstützung durch das Ausland dürfen sie dabei kaum hoffen.

Nachdem George Floyd im Mai 2020 bei seiner Festnahme getötet worden war, gingen Millionen in aller Welt unter dem Slogan »Black Lives Matter« auf die Straße. In den USA knieten die Spieler in der National Football League, in Europa bei der Fußball-Europameisterschaft. Die Formel-1-Fahrer beugten weltweit ihre Knie. Für den Iran kniet niemand. Iranian Lives don’t Matter. Zumindest zählen sie nicht gleich viel.

Am 24. März 2017 sagte der österreichische Bundespräsident Alexander van der Bellen bei einer Diskussion mit Schülern im  Haus der Europäischen Union in Wien: »Bei dieser tatsächlich um sich greifenden Islamophobie wird noch der Tag kommen, wo wir alle Frauen bitten müssen, ein Kopftuch zu tragen. Alle. Als Solidarität gegenüber jenen, die es aus religiösen Gründen tun.« Wäre nicht vielleicht längst der Tag gekommen, die muslimischen Frauen zu bitten, ihr Kopftuch abzulegen, aus Solidarität mit ihren Schwestern im Iran?

Helden für einen Tag

Doch man muss den Begriff des Helden gar nicht aufs Militärische oder Politische verengen. »Ein Held bzw. eine Heldin ist eine Person, die eine Heldentat, also eine besondere, außeralltägliche Leistung vollbracht hat«, weiß Wikipedia und nennt körperliche Fähigkeiten ebenso heroisch wie geistige, namentlich »Mut, Aufopferungsbereitschaft, Kampf für Ideale, Tugendhaftigkeit oder Einsatzbereitschaft für Mitmenschen«.

Heldentum ist keine Frage von Stärke oder Talent, es ist eine Entscheidung.

Mir ist diese Definition sympathisch, ich halte sie für lebensnah: Zum Beispiel ist seit dem WM-Finale Lionel Messi für hunderttausende argentinische Kids endgültig zum Helden geworden. Und während der Pandemie wuchsen hunderte Ärztinnen und Ärzte, Pflegerinnen und Pfleger über sich hinaus und bewiesen ein Übermaß an Mut, Aufopferungs- und Einsatzbereitschaft für Mitmenschen. Sie taten, was Helden auszeichnet. Dennoch bleibt ihre Geschichte mit wenigen Ausnahmen unerzählt, weil eine wesentliche Komponente des Heldentums fehlt: »Ohne den rühmenden Bericht eines selbständigen Beobachters vergeht die heroische Existenz der Helden mit dem Augenblick des heldenhaften Auftritts«, wie der deutsche Politikwissenschaftler Herfried Münkler treffend schreibt.

Ihre Geschichten erzählen

Man kann diesen Satz auch als Appell verstehen, die Geschichten der Helden des Alltags an den digitalen Lagerfeuern unserer Zeit zu erzählen. Ihre Überlieferung inspiriert, denn der Held ist die Antipode zum Kollektiv. Er verkörpert den Inbegriff des Individuums, das sich über Zwänge und Normen erhebt, Risiken in Kauf nimmt und Taten vollbringt, deren Nutzen über das eigene Wohl hinausgeht. Man findet solche Helden unter Unternehmern und Bürgerrechtlern, unter Künstlern genauso wie unter Technikern. In diesem Sinne ermutigt die berühmte »Stay hungry, stay foolish«-Rede von Steve Jobs an der Universität von Stanford eindrucksvoll zum Heldentum.

Wir alle können heldenhaft auftreten; dass unsere heroische Existenz im selben Augenblick vergeht, schmälert nicht die Tat. Heldentum ist keine Frage von Stärke oder Talent, es ist eine Entscheidung. David Bowie singt in einem seiner bekanntesten Songs: »Oh, we can beat them, forever and ever. Then we could be heroes, just for one day«

Bloß für einen Tag ein Held sein: nicht der schlechteste Vorsatz, wie mir scheint.

 Zuerst erschienen im Pragmaticus.


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Über den Autor / die Autorin

Thomas M. Eppinger

Thomas Eppinger ist davon überzeugt, dass alle Menschen mit unveräußerlichen Rechten geboren sind, zu denen das Recht auf Leben, Freiheit und das Streben nach Glück gehören. Daraus ergab sich alles andere, auch diese Website.
Der Publizist ist 1961 in Vöcklabruck geboren, lebt heute in Graz und arbeitet in Wien als Lead Editor bei »Der Pragmaticus«. Davor leitete er den unabhängigen Nahost-Thinktank Mena-Watch.