KLIMASCHUTZ UND CORONA: GIFTIGER MIX FÜR DIE REISEBRANCHE

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Boeing 737 der Ryanair, Symbolbild (© Imago Images / ZUMA Wire)

Die Pandemie ließ den internationalen Tourismus einbrechen. Die große Frage ist: Wird nach Corona wieder alles, wie es einmal war? Oder sagen die Menschen den Fernreisen Adieu?

»Wenn wir wollen, dass alles so bleibt, wie es ist, muss alles sich ändern«, schreibt Giuseppe Tomasi di Lampedusa in seinem einzigen Roman Il Gattopardo. Die Tourismusindustrie scheint für die Zeit nach Corona Lampedusas Motto aufgegriffen zu haben: Es muss sich alles ändern, wenn wir wollen, dass alles so wird wie früher. Aber wird es das? Und wollen wir das überhaupt? Für viele Feuilletonisten und Philosophen waren die Reisebeschränkungen während der Pandemie eine Blaupause für die Bekämpfung des Klimawandels. Sie setzen auf Bescheidenheit und Entschleunigung.

»Auch wenn sich das Reisen zum festen Bestandteil der Lebensgestaltung entwickelt hat: Es bleibt ein Luxus. Und auf Luxus kann man verzichten«, konstatiert der Historiker und Soziologe Hasso Spode, der das Historische Archiv zum Tourismus der TU Berlin leitet, und prognostiziert: »Auf absehbare Zeit werden Fernreisen selten werden. Auch aus ökonomischen Gründen. Der Einbruch wird zur Folge haben, dass die Menschen weniger Geld in der Tasche haben und am Urlaub sparen. Dann wird es frei nach Goethe heißen: ›Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah.‹«

Nachhaltigkeit gefragt

Folgerichtig mahnt der deutsche Historikerverband, auch in der wissenschaftlichen Mobilität mehr Umweltbewusstsein ein und will künftig Reisen so oft wie möglich durch digitale Formate ersetzen. Die Fülle an Reisen vor Ausbruch des Corona Virus habe der Umwelt und der Produktivität geschadet, schreibt der Verband in einem Papier, mit dem er zur Diskussion über eine »nachhaltige Internationalisierung« beitragen möchte.

Für eine neue Innerlichkeit plädiert der Schweizer Philosoph, Autor und Moderator Yves Bossart. Er denke viel an seine Reisen zurück, schreibt er, »an Madagaskar, Marokko, Südamerika«. Jedoch: »Auf längere Sicht bleibt uns keine andere Wahl: Wir müssen uns daran gewöhnen, weniger oft und weniger weit zu reisen. Die Klimakrise zwingt uns dazu.«

Am Ende dient Bossart Janoschs Kindergeschichte Oh, wie schön ist Panama als Gleichnis für die Zukunft des Reisens. Darin machen sich der kleine Tiger und der kleine Bär auf den Weg nach Panama, laufen aber im Kreis und kommen so nach langer Zeit wieder in ihrem Zuhause an, das sich in der Zwischenzeit so stark verändert hat, dass sie es nicht wieder erkennen und für Panama halten: »Glücklich reparieren sie das Häuschen und leben ihren Traum. Die beiden Freunde sollten uns ein Vorbild sein. Bauen wir doch unser eigenes Panama. Auf dem Weg dahin bleiben uns immer noch die vergangenen Reisen. Denn, wie der deutsche Schriftsteller Jean Paul schrieb: ›Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können.‹«

Auch wenn eine Reise ins eigene Ich für manche Philosophen eine verlockende Vorstellung sein mag: Für eine vierköpfige Wiener Familie mit durchschnittlichem Einkommen dürfte ein Ausflug nach Zwettl an der Rodl auf Dauer keine besonders erstrebenswerte Alternative zu zwei Wochen Sommer, Sonne, Meer darstellen. Und so arbeitet die Tourismusindustrie fieberhaft an Konzepten, die ökologischen Anforderungen und den Wünschen der Konsumenten gleichermaßen gerecht werden sollen.

Der Fernsehsender Euronews schildert die künftigen Reisetrends in Zusammenarbeit mit der britischen Agentur für Reisetrendprognosen Globetrender, deren Online-Magazin sich mit der Zukunft des Reisens beschäftigt. Der Travel Trend Report vom Oktober 2020 identifiziert sechs prägende Tourismus-Trends für die Zeit nach Corona: Tourismus in die unberührte Natur, Ökotourismus, Nomaden-Tourismus, Wellness-Tourismus, Authentischer Tourismus und Achtsamer Tourismus.

Die meisten Begriffe sind selbsterklärend. Unter Nomaden-Tourismus verstehen die Trendforscher, dass der Punkt-zu-Punkt-Urlaub, bei dem der Reisende zu einem einzigen Ort fliegt und dann nach Hause zurückkehrt, von Reisen konkurriert wird, die mehrere Orte einbeziehen und in einem langsameren Tempo stattfinden. Als Zielgruppe identifizieren sie ungebundene Singles, »die ihren Lebensunterhalt mit einem Laptop verdienen können oder Rentner ohne Verpflichtungen«.

All diese Konzepte, die sich in ähnlicher Form auch in anderen Fachpublikationen finden, folgen im Kern den gleichen Prinzipien: Qualität vor Quantität und höhere Wertschöpfung pro Gast, höherer Erholungsfaktor, mehr ökologisches und soziales Bewusstsein, eine intensivere Beziehung zur einheimischen Bevölkerung und deren Kultur.

»Was ist daran neu?«, fragt Guntram Fessler, der größte Souvenirhändler Europas und unter anderem Mitbesitzer des Wiener Donauturms, der Entwicklungen im Tourismus seit Jahrzehnten genau verfolgt. Die Pandemie habe zwar bestehende Trends beschleunigt und verstärkt, aber keine wesentlich neuen hervorgebracht.

Zweifel an Reise-Unlust

Ja, das Angebot werde sich immer weiter differenzieren, vor allem im High-End Segment, aber daneben sieht Fessler nach der Krise kein Ende des Massentourismus in Städten und touristischen Hotspots auf uns zukommen, sondern das Gegenteil: »Um Betten und Flieger zu füllen, werden die Anbieter vor allem für den riesigen asiatischen Markt aggressiv kalkulierte Angebote schnüren, die neue, weniger kaufkräftige Schichten nach Europa bringen. Überseereisen werden dadurch auch für Chinas untere Mittelschicht erschwinglich, wir werden einen Andrang erleben wie nie zuvor.«

Überseereisen werden auch für Chinas untere Mittelschicht erschwinglich, wir werden einen Andrang erleben wie nie zuvor.

Guntram Fessler 

Auch der Zukunftsforscher Andreas Reiter glaubt nicht ans Ende des Massentourismus. Reiter zählt zu den führenden Tourismusexperten in Europa. Seine Firma berät Unternehmen, Kommunen, Destinationen und öffentliche Institutionen im deutschsprachigen Raum bei strategischen Zukunftsfragen. Das Angebot wird differenzierter und die Spreizung größer, so der Experte, niemand brauche das 729. Wellnesshotel. Aber die All-Inclusive Billigtrips für die breite Masse werde es immer geben.

Das mag nicht für jeden verlockend klingen, war doch »Overtourism« schon 2018 ein Kandidat für das Wort des Jahres im Oxford Dictionary. Der Begriff beschreibt Massentourismus in einem unverträglichen Ausmaß. Hans Magnus Enzensberger fand dafür die Worte: »Der Tourist zerstört, was er sucht, indem er es findet.«

Die Probleme Venedigs sind bekannt, daher an dieser Stelle zwei andere Beispiele für dieses Phänomen: Dubrovnik ist als Drehort für die Fernsehserie Game of Thrones berühmt geworden. In der 400 mal 300 Meter großen Altstadt gab es 2016 noch vier Lebensmittelläden, aber 107 Souvenirgeschäfte und 143 Restaurants. Hallstatt, im oberösterreichischen Salzkammergut gelegen und für seine malerische Lage und Relikte aus der Eisenzeit berühmt, hat gerade einmal 776 Einwohner und alljährlich rund eine Million Besucher, die 2018 in 19.344 Bussen und 194.613 Autos anreisten.

Dem werde man künftig mit »Smart Travelling« begegnen, dem derzeit wichtigsten Trend im Tourismus, wie Andreas Reiter erklärt: mit Hilfe künstlicher Intelligenz werden die Besucherströme in die Hotspots analysiert, und die Touristen mit differenzierten Angeboten zu alternativen Zielen gelenkt.

Wie immer sich die Trends in den einzelnen Regionen entwickeln mögen: Die rasche Bewältigung der Krise ist für viele Länder eine existenzielle Notwendigkeit. Weltweit sind die internationalen Touristenankünfte 2020 im Vergleich zu 2019 um 73 Prozent eingebrochen. Anders ausgedrückt: rund eine Milliarde Menschen weniger sind in ein anderes Land gereist als im Jahr davor. Der Rückgang im ersten Quartal 2021 beläuft sich auf 84 Prozent. In Österreich sank die Zahl der Nächtigungen 2020 um 35,9 Prozent und fiel damit auf das Niveau der frühen 1970er Jahre zurück.

Gewaltiger finanzieller Schaden

Ein gemeinsamer Bericht der Welttourismusorganisation der Vereinten Nationen (UNWTO) und der UNO-Konferenz für Handel und Entwicklung (UNCTAD) beziffert den wirtschaftlichen Schaden für den weltweiten Tourismussektor in den Jahren 2020 und 2021 mit bis zu vier Billionen Dollar (3.400 Milliarden Euro). Die Verluste seien schlimmer als erwartet, weil sich selbst das von der UNCTAD im letzten Jahr prognostizierte Worst-Case-Szenario als zu optimistisch erwiesen hätte, da der internationale Reiseverkehr mehr als 15 Monate nach Beginn der Pandemie immer noch gering sei, heißt es in dem Report.

Der Einbruch umfasst Urlaubsreisen ebenso wie Geschäftsreisen und den Kongresstourismus. Die Global Business Travel Association (GBTA) – eine weltweite Handelsorganisation für Geschäftsreisen mit Hauptsitz in Washington D.C. und Niederlassungen auf sechs Kontinenten – erwartet eine vollständige Erholung dieses Sektors erst für 2025. Ihrer Analyse im jährlichen Business-Travel-Index Ausblick zufolge, die 48 Branchen in 75 Ländern umfasst, sind die Verluste bei den Ausgaben für Geschäftsreisen im Jahr 2020 zehnmal größer als die Auswirkungen des 11. Septembers oder der Rezession aufgrund der Finanzkrise von 2008. Die Branchen Freizeit und Gastgewerbe, Transport, Einzelhandel, Lebensmittel und Energie werden auch in Zukunft mit größeren Schwankungen konfrontiert sein, warnt die GBTA.

Der Tourist zerstört, was er sucht, indem er es findet.

Hans Magnus Enzensberger

Die internationale Unternehmens- und Strategieberatung McKinsey & Company prognostiziert, dass sich Geschäftsreisen bis 2024 nur auf etwa 80 Prozent des Niveaus vor der Pandemie erholen werden, während Freizeitreisen die Erholung vorantreiben dürften. Die Folgen für die Volkswirtschaften sind verheerend. So trug der Reise- & Tourismussektor in Kroatien 2019 noch 19,7 Prozent zur gesamtwirtschaftlichen Bruttowertschöpfung (BIP) bei (2020: zehn Prozent), in Österreich waren es 7,5 Prozent (2020: 5,5 Prozent). In Deutschland lag der Anteil bei rund vier Prozent. Die Europäische Union rechnet zu diesem Sektor auch die gesamte Freizeitwirtschaft und kommt so auf einen wesentlich höheren Anteil am BIP (Kroatien 25, Österreich 15, Deutschland neun Prozent im Jahr 2018).

Lange Durststrecke erwartet

Am globalen Bruttoinlandsprodukt hatte der Tourismus 2019 laut McKinsey einen Anteil von zehn Prozent und war fast neun Billionen US-Dollar wert (rund 7.650 Milliarden Euro). Damit ist der Sektor fast dreimal so groß wie die Landwirtschaft. In einer Analyse vom Juni 2021 prognostiziert McKinsey, dass die Tourismusausgaben voraussichtlich erst 2024 wieder das Vorkrisenniveau erreichen würden. Bis zu 120 Millionen Arbeitsplätze seien gefährdet.

Die Tourismusindustrie ist mit drei Phänomen mit wechselseitigen Folgen konfrontiert: Pandemie, gesteigerter Massentourismus und Klimawandel. Zumindest in Österreich kommt dazu noch ein akuter Mangel an Arbeitskräften. Laut Andreas Reiter seien während der Krise 20 bis 25 Prozent der Arbeitskräfte abgewandert. Der Manager eines bekannten Wiener Innenstadthotels habe ihm gesagt, er müsste die Gehälter um bis zu einem Viertel erhöhen, um die Stellen wiederzubesetzen. Nicht alle werden solche Kostenerhöhungen verkraften oder an ihre Kunden weitergeben können: so werde der Markt zusätzlich ausgedünnt.

Auch wenn im Vagen liegt, wie lange es dauert, bis der Tourismus wieder an das Vorkrisenniveau anschließt: die Tourismusexperten sind sich darin einig, dass er das wird. Auch Elisabeth Becker, langjährige Journalistin der New York Times und Autorin des Bestsellers Overbooked: The Exploding Business of Travel and Tourism, sieht künftig zwei fundamental unterschiedliche Megatrends miteinander konkurrieren: Einige Regionen werden Tourismusstrategien entwickeln, um die Menschenmassen zu begrenzen, mehr Geld in der lokalen Wirtschaft zu halten und lokale Vorschriften wie Gesundheitsprotokolle und Umweltschutzbestimmungen durchzusetzen. Andere werden die Reiseindustrie sich selbst regulieren lassen, um mit hohen Rabatten Hotels und Flugzeuge zu füllen und den Overtourism wiederzubeleben.

Beckers Prognose ist vielleicht eine der wenigen Gewissheiten in einer ungewissen Zukunft:

Unabhängig von unserem Einkommensniveau wird das Reisen einen größeren Teil unseres verfügbaren Einkommens in Anspruch nehmen.

Elisabeth Becker

Der Artikel wurde ursprünglich – mit zusätzlichen Grafiken, Informationen und Ergänzungen der Redaktion – im Magazin DER PRAGMATICUS veröffentlicht. Es empfiehlt sich, die Seite der Erstveröffentlichung zu besuchen.


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Über den Autor / die Autorin

Thomas M. Eppinger

Thomas M. Eppinger ist davon überzeugt, dass alle Menschen mit unveräußerlichen Rechten geboren sind, zu denen das Recht auf Leben, Freiheit und das Streben nach Glück gehören. Daraus ergab sich alles andere, auch diese Website.
Der Publizist ist 1961 in Vöcklabruck geboren und lebt heute in Graz und Wien, wo er den unabhängigen Nahost-Thinktank Mena-Watch leitet.

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