Feuilleton Wissenschaft

Es ist was es ist

Die verwirrende Sexualität bei Zwillingen

Rosie und Sarah, heute 20 Jahre alt, sind identische Zwillinge und wuchsen gemeinsam mit ihren Eltern auf. Es gab keine Scheidung, keine neuen Partner der Eltern und weder Rosie noch Sarah verbrachten besonders viel Zeit mit Großeltern, Onkeln, Tanten oder anderen Erwachsenen, die einen Einfluss auf sie gehabt hätten. Sie besuchten den selben Kindergarten und später die selbe Schule.

Sind genetisch identisch, genossen die gleiche Erziehung und wuchsen in ein und demselben Milieu auf. Und dennoch – Rosie ist lesbisch während Sarah einen fixen Freund hat. Obwohl die Mehrzahl der identischen Zwillinge die gleichen sexuellen Eigenschaften haben, gibt es einen kleinen Prozentsatz, die sich untereinander unterscheiden.

Sarah erinnert sich an die ersten Freunde, die sie hatte. Brachte sie ein paar Mitschüler nach Hause, fühlten sich diese besonders wohl in der Umgebung von Rosie. Sie spielten Fußball im Garten mit ihr, saßen stundenlang bei Video-Games und sprachen über Bücher und Filme, die Sarah überhaupt nicht interessierten.

Sie sagten Sarah, sie sei langweilig, würden lieber mit Rosi spielen und mehr Zeit mit ihr verbringen. Wenn die Jünglinge allerdings älter wurden und versuchten, sich Rosi auch romantisch zu nähern, lehnte sie es ab und sagte ihnen, sie habe dafür kein Interesse. Dann sind sie wieder zu mir zurückgekommen, beschrieb Sarah die Situation zu Hause.

Gerulf Rieger von der University of Essex, ein weltweit anerkannter Spezialist in der Zwillingsforschung, hat vor kurzem einen Beitrag in ‚Developmental Psychology’ über das Thema der unterschiedlichen Sexualität bei Zwillingen veröffentlicht. Er untersuchte 56 Zwillinge mit unterschiedlicher Sexualität und bat sie, Fotos ihrer Kindheit zur Verfügung zu stellen, um eventuell einen Zeitpunkt zu erkennen, wann sich die gegensätzliche Orientierung zeige, noch bevor sich die Betroffenen ihrer Einstellungen und Verhaltensweisen bewusst sind. Als er mit den beiden Schwestern Sarah und Rosie die Kinderfotos durchging, waren diese erstaunt, wie früh sich die Unterschiede zeigten. Auf einem war Sarah in einem weißen Kleid bei einer Faschingsfeier als Schneeflocke zu sehen, während Rosie als Wilma der Flinstones auftrat. Die beiden waren damals sechs Jahre alt. Ein Foto auf einem Spielplatz zeigt Sarah in einer hellen Hose und einem Barbie-Pullover, daneben Rosie in einem Batman Kostüm.

Während der Pubertät und kurz danach versuchte Rosie eine Zeit lang so zu sein wie Sarah. Sie gingen gemeinsam mit jungen Männern aus, doch wenn einer versuchte, sich Rosie zu nähern, reagierte Sarah jedes Mal wie in einem ‚Running Gag’ mit der Bemerkung: He, küsse doch mich! Ich sehe genauso aus!

Neueste Forschungen zeigen, dass bei Mädchen meist schon im Alter von sechs und bei Burschen im Alter von acht Jahren eine ausgeprägte sexuelle Identität erkennbar ist. Das sei nicht besonders neu, betonte Dr. Rieger. Neu sei jedoch die verwirrende Erkenntnis, dass viele Vermutungen über Ursache der Sexualität und Einfluss auf sie aufgrund der Zwillings-Studien nicht mehr 100 prozentig haltbar sind. Die Studien über die Sexualität von Zwillingen, bei denen weder genetische Unterschiede noch erzieherische Einflüsse als Erklärungsmodelle geltend gemacht werden können, zeigen die Hilflosigkeit selbst der modernsten Forschungsprojekte auf diesem Gebiet. Zu schnell sei man, nach Dr. Rieger, mit Erklärungen über genetische Unterschiede und dem Einfluss der Erziehung für sexuelles Verhalten vorgeprescht, ohne diese Theorien in Frage zu stellen.

Mythos Sexualität

Dr. Rieger und sein Forschungsteam können auch keine alternativen Theorien anbieten. Die Sexualität des Menschen ist seiner Meinung nach eines der am wenigsten erforschten Rätsel der Menschheit. Es würden tausende von wissenschaftlichen Arbeiten existieren, die einen Zusammenhang mit den verschiedensten Einflüssen herstellen und dennoch keine eindeutige Erklärung liefern.

Neue Theorien versuchten es mit Einflüssen, die lange vor der Geburt die Entwicklung beeinflussen. Eventuell mit einer unterschiedlichen Versorgung mit Hormonen und Nahrung, doch das alles sei graue Theorie, die durch nichts zu beweisen sei.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kam eine gemeinsame Studie einer Schwedischen und Britischen Universität.  Sie beendeten mit ihren Forschungsergebnissen die ‚entweder/oder’ Frage der Homosexualität: Gibt es ein genetisches Schicksal für Homosexuelle, ein Schwulen-Gen? Oder ist die Liebe zum gleichen Geschlecht eben doch nur eine Frage der Erziehung, eine Folge von rosa Plüschtieren, Mädchenkleidern oder zu viel Mutterliebe in der Kindheit? Seit der Zwillingsforschung zweifeln immer mehr Forscher daran, dass alles so einfach sein könnte. Sie finden immer bessere Belege dafür, dass die sexuelle Orientierung eines Menschen wahrscheinlich gar nicht von der Erziehung beeinflusst wird – und dennoch keine rein genetische Frage ist.

In der Studie aus 2008 hatten britische und schwedische Forscher alle 40.000 in Schweden lebenden Zwillinge angeschrieben. Immerhin 7652 von ihnen, alle im Alter zwischen 20 und 47 Jahren, erklärten sich bereit, die Fragebögen der Forscher auszufüllen. Die Ergebnisse der Studie haben die Forscher der Queen Mary Universität in  London und des Karolinska Instituts in Stockholm jetzt in den Archives of Sexual Behavior veröffentlicht.

Zwillinge haben sich in dieser Studie einmal mehr als besonders wertvolle Probanden für die Forschung erwiesen. Eineiige Zwillinge haben dasselbe Erbgut, zweieiige Zwillinge dagegen stammen aus zwei verschiedenen befruchteten Eizellen. Durch den Vergleich beider Gruppen ist es möglich festzustellen, welchen Einfluss die Gene und welchen die Umwelt hat. Auch die Forscher aus London und Stockholm verglichen die Angaben ihrer eineiigen und zweieiigen Zwillinge und konnten so errechnen, welchen prozentualen Anteil das Erbgut, gemeinsame Erfahrungen und individuelle Erlebnisse an der Wahl der Sexualität hatte. Wäre Homosexualität genetisch festgelegt, hätten alle eineiigen Zwillingsgeschwister entsprechend schwul, lesbisch oder heterosexuell sein müssen.

Es ist was es ist

„Die Studie beendet die Überlegungen, nach denen wir nach einem ‚Homo-Gen‘ suchen oder nach einer einzigen Variablen“ fasst Qazi Rahman zusammen, Co-Autor der Studie und führender Wissenschaftler auf dem Gebiet der sexuellen Orientierung. Die Faktoren, die die sexuelle Orientierung steuern, seien sehr komplex. „Aber wir sprechen hier nicht nur über Homosexualität. Auch Heterosexualität wird von einem Mix aus Genetik und Umweltfaktoren beeinflusst.“

Vielleicht ist es gut so, dass die sexuelle Orientierung eines Menschen weiterhin ein unbekannter Mythos ist und die Ursachen nicht rational belegt, bewiesen und begründet werden können. Das Unberechenbare im Verhältnis der Menschen untereinander entzieht sich immer noch der Planung und Steuerung, trotz aller Eingriffe in unseren Alltag durch ‚artificial intelligence’.

Es ist Unsinn
sagt die Vernunft
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Das Gedicht von Erich Fried hat somit immer noch seine Berechtigung – fragt sich nur wie lange noch.

 

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