Einfach zum Nachdenken Feuilleton

Allmacht und Ohnmacht

Allmacht? Ohnmacht!

Allmacht

Es ist ein halbes Jahrhundert her, da glaubte man, zu allem befähigt zu sein – schließlich verfügte man bereits über Atomenergie, Antibiotika, Düsenjets, Mondraketen. Eine goldene Zukunft schien bevorzustehen: Laufbänder sollten Bürgersteige ersetzen, Taxis würden bald fliegen, demnächst wären Krieg, Krebs und Hunger besiegt, auf Mond- und Marsstationen lebten die ersten Aussiedler. Ein halbes Jahrhundert später dünkt man sich, nachdem nichts davon eintraf, schon wieder omnipotent – aber unter umgekehrten Vorzeichen. Jetzt glaubt man, die Welt in Gänze zu vernichten, indem man sie überheizt. Oder in die Luft sprengt. Oder vergiftet. Oder genetisch ruiniert. Doch auch davon wird nichts eintreffen. Die Vorhersage fällt leicht: Allmachtsphantasien stehen im umgekehrten Verhältnis zu ihrer Umsetzbarkeit. Sie sind nur die zeitgemäßen Varianten des einstigen Wunder- oder Sündflutglaubens.

Krone der Schöpfung

Verstand sich der Mensch vor kurzem noch als Krone der Schöpfung, so empfindet er sich inzwischen als erzböse. „Gut“ ist in moralischer Hinsicht nur noch die Natur, die zuvor als „feindlich“ eingeschätzt wurde und zu „besiegen“ war. Demnach vergöttern wir aktuell eine Natur, deren bösestes Element wir sind. Die schizophren-sentimentale Empathie für Flora und Fauna, gekoppelt an extremes Misstrauen gegenüber uns selbst, geht ganz genauso ins Pathologische wie die frühere Selbstüberschätzung. Gesteuert wird beides von uralten religiösen Impulsen, die den Kanon der Wirklichkeit zuverlässig eng halten.

Kunst

Kunstwerke balancieren auf jenem schmalen Grat, der sich zwischen den Abgründen dürrer Tatsachen und frommer Wünsche erhebt. Auf der einen Seite herrschen sachliche Zwänge und das Bruttosozialprodukt, auf der anderen ethisch aufgeladene Desiderate und wissenschaftsverbrämte Glaubensartikel. Beide Seiten unterlaufen das in Wahrheit stets vorhandene Veränderungspotential, eine teleologisch-inhärente Dynamik des Faktischen. Kein Wunder, dass die großen Kunstwerke der letzten 50 Jahre nicht dort zu finden sind, wo man sie verzweifelt sucht: im Kunstbetrieb. Sondern in wegweisenden Spitzenprodukten der Industriebetriebe. Ein Ferrari oder Porsche ist jedem Artefakt von Beuys oder Warhol künstlerisch unendlich überlegen – intellektuell, kunsthandwerklich, in der genussreichen Rezeption, als Referenzobjekt wie in der Verschmelzung von Sinnebenen!

Ablasshandel

Bio-Produkte sind teurer, aber gut für die Gesundheit – heißt es. Nur werden herkömmliche Lebensmittel wesentlich schärfer kontrolliert; sie bergen demnach weit weniger Risiken, mit bekannten oder weniger bekannten Zusatzstoffen Schaden zuzufügen. Die Kupferprodukte, die in der Öko-Landwirtschaft bspw. massiv zur Schädlingsbekämpfung eingesetzt werden, haben das Bewusstsein der Verbraucher nicht erreicht und sollen dort auch nicht aufschlagen. Sonst fallen die Bürger noch ab vom landauf, landab gepredigten Glaubenssatz, dass „die Industrie uns vergiftet“ und allein Bio-Produkte den Weg aus der geschürten Gefahrenwahrnehmung weisen. Die marktwirtschaftliche Überzeugung, dass teurer irgendwie besser sei, bleibt bei den vermeintlich gesunden, ein gutes Gewissen machenden Öko-Produkten jedoch unangetastet. In der Summe wird Bio so zur perfiden Kopie des katholischen Ablasshandels, der für gezielt aufgebaute Sündenpopanze monetäre Erlösung bereithielt: Sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt!

Ohnmacht

Allmacht und Ohnmacht sind die beiden Seiten derselben Medaille. Ohnmachtsgefühle sind der geheime Antrieb von Allmachtsphantasien. Wer sich nichts zutraut, misstraut auch allen anderen – und sucht sein Heil in überpersönlichen, omnipotenten Zusammenhängen, die wie beim Klimawahn immer gewaltigere Ausmaße annehmen müssen, um sich zu behaupten. Entgegen dem Anschein geht es dabei um keine belastbare Realität: Allmachtsdenken ist ein untrüglicher Beweis für inflationierende Ohnmacht.

 

Kommentar verfassen