Funksprüche

Eine Sache der Eh(r)e

Die Heirat bleibt in der Familie

Ich will den Wagen starten, genau in diesem Moment klingelt das Handy. ‚Bettina‘ steht am Display und ich spüre, wie Nervosität in mir aufsteigt. Immerhin ist das eventuell meine Ex-Freundin in spe.

„Was hast Du gerade an?“ flötet die neue Flamme nun ohne weitere Begrüßung ins Telefon. „Radio Burgenland … wieso?“ antworte ich irritiert.

Das Schweigen am anderen Ende der Leitung macht rasch klar, dass das nicht die erhoffte Antwort war. Jessas. Vielleicht bin ich schon zu lange Single, und damit aus der Übung, was diese Telefon-Flirterei betrifft. Oder mir fehlt im Umgang mit dem weiblichen Geschlecht überhaupt ein bissl die Gebrauchsanleitung.

Auf der Watsch-List

Mein Vater hingegen war von Natur aus ein großer Frauenflüsterer. Und, wie man ob seiner südländischen Herkunft vielleicht glauben könnte, so gar kein Macho. Von ihm weiß ich, dass man Frauen mit Respekt und Wertschätzung behandeln muss.

In den verstaubten 70ern eine echte Ausnahmeerscheinung. Die Mamas meiner Schulfreunde haben sogar noch ihre Watschen gefangen, wenn sie nach Ansicht des Gatten deppat waren. Für den Papa ein absolutes No-Go.

Dank seines Charmes flogen ihm die Herzen ohnehin zu. Selbst seine Schwiegermutter wickelte er um den Finger. Die zeigte sich anfangs nämlich nur mäßig begeistert, als ihr die einzige Tochter ausgerechnet einen Lover aus Serbien servierte.

„An Tschuschen? Hast nix Besseres gefunden?“ soll sie entsetzt ausgerufen haben. Meine Oma gehörte zur gehobenen Mittelschicht. Da haben die Frauen zwar auch ihre Tetschn kassiert, aber das wurde diskret unter den Flokati-Teppich gekehrt.

Mein Papa war fleißig, höflich, und eben total charmant. So legte sich das Misstrauen gegen den Gastarbeiter-Spross nach und nach. Trotzdem mochte ich die lustige Jugo-Oma, die wir in den Ferien besuchten, viel lieber als die reservierte Wiener Großmutter.

Türkischer Familienrat

Die Baba, wie die Oma in Serbien heißt, hat mir immer mein Lieblingsessen gekocht. Es gab Ćevapčići, Đuveč, also Reisfleisch, und Baklava als Nachspeise. Erinnerungen, die ich förmlich schmecken kann.

Der Jugo-Opa war ein Goschenferdl, der den Lohn bevorzugt zum Wirten getragen hat. Die Baba wusste aber, wie sie ihrem Mann die Wadln viere richtet. Gefallen lassen hat sie sich nix. Und sie hat auch darauf geschaut, dass ihre zwei Töchter, meine Tanten, was halbwegs Gescheites lernen. Was die kämpferische Baba wohl zur Geschichte von der Büşra gesagt hätte?

Die Büşra geht mit meiner Tochter Mimi in die Klasse. Vor ein paar Tagen sind die beiden plötzlich am Taxistandplatz aufgetaucht. Mit der Bitte, dass ich sie zu so einer Beratungsstelle chauffiere. Mimi hat, wie sie halt so ist, wie ein Wasserfall geredet.

Büşra hingegen, ein hübsches Mädel mit Kopftuch und einem fetten Bluterguss rund ums Auge, starrte die ganze Fahrt über aus dem Fenster. Das Veilchen, flüsterte mir Mimi zu, rührte von ein paar festen Ohrfeigen her, die die Eltern austeilten. Die nämlich haben Büşra auf der Straße erwischt. In der einen Hand eine Tschick, die andere Hand hielt die eines Burschen.

Nach der Bestrafung überlegte der eilig zusammen getrommelte Familienrat, wie man dem lockeren, westlichen Lebensstil, dem die junge Türkin zugetan war, ein Ende setzen könnte.

Die ideale Lösung schien, Büşra in der Heimat zu verheiraten. Am besten beim nächsten gemeinsamen Türkei-Urlaub. Ihr Cousin Mehmet, acht Jahre älter als sie, sollte der Glückliche sein. Erst kurz vor der Zeremonie wollte man Büşra einweihen. Der kleine Bruder verplapperte sich, und so erfuhr sie, welche Pläne da zwischen Ankara und Wien gewälzt wurden.

Braut wider Willen

Bei der Beratungsstelle ließ ich die Mädels raus, und wünschte Büşra alles Gute. Die Leute dort haben ihr geholfen, einen WG-Platz zu finden, berichtete Mimi später. Denn nach Hause traute sich die 16-jährige nicht mehr.

Dann jedoch schrieb ihr die Mutter über Facebook einige wehmütige Nachrichten. Die Familie würde sie vermissen, es täte ihnen leid. Ob sie nicht zu Besuch kommen möchte? Zuerst zögerte Büşra. Schließlich willigte sie ein.

Daheim gab es Kaffee und Kuchen, am Balkon durfte sich das Mädel mit dem Vater eine Zigarette teilen. Am Wochenende darauf stieg sie in den nagelneuen Mercedes des Onkels. Nach Bratislava, zum Shoppen sollte es gehen, erzählten ihr die Eltern. Sie freute sich.

Statt nach Tschechien, bog der Wagen allerdings Richtung Türkei ab. Wo Büşra kurz darauf Mehmets Ehefrau wurde. Mimi konnte mit der Braut noch einmal heimlich skypen, dann brach der Kontakt ab.

Die Baba hätte Büşra in ihrer Zimmer-Kuchel-Kabinett-Wohnung versteckt, und ihr erst einmal was Ordentliches gekocht. Apropos – mein Magen meldet sich, also auf zum Kebab-Ali nach Ottakring. Dort gibt’s zwar kein Ćevapčići, aber den leiwandsten Döner in ganz Wien.

„Na, Wukkerl, was geht mit der neuen Freundin?“, fragt Ali neugierig, während er das Lammfleisch ins Fladenbrot klatscht. „Naja, keine Ahnung, ob das was wird“. Meine Zweifel sind nicht zu überhören.

„Heast, musst schon positiv denken“, lacht mein Freund. Na gut, dann probiere ich es halt mit dem Mantra der optimistischen Singles: Mein Bett ist halb voll.

Oder, wie der Wiener sagt: Schau ma mal.

 

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