Feuilleton Wissenschaft

Die starken Frauen

Bäuerinnen gegen Cambridge-Ruderinnen

Die Damen der Cambridge Rudermannschaft feierten heuer einen eindrucksvollen Erfolg gegen ihre Konkurrenten von Oxford mit der Rekordzeit von 18 Minuten und 13 Sekunden. Der Sieg war kein Zufall. Mit monatelangem Training, mehreren Stunden Kraftübungen pro Tag und 120 Meilen Rudern pro Woche, bereiteten sich die Sportlerinnen auf diesen Wettkampf vor, der seit Jahrzehnten zu den gesellschaftlichen Höhepunkten der beiden Universitäten zählt. Viele der Ruderinnen sind erfolgreiche Athletinnen in anderen Sportarten mit durchtrainierten Körpern und einem optimalen Muskelaufbau.

Und dennoch – einen Wettbewerb im Armdrücken mit den Frauen der Neolythischen Periode (etwa 10 000 – 5000 v.Ch.) hätten die durchtrainierten Sportlerinnen verloren. Diese hatten kürzere Arme und waren zwar kleiner, dafür umso kräftiger und ausdauernder. Neueste Forschungen und Erkenntnisse der Universität Oxford zeigen, dass Frauen dieser Epoche im Vergleich zu modernen Athletinnen etwa um 13 Prozent größere Oberkörper hatten, im Vergleich zu den Studentinnen in Oxford sogar um 30 Prozent mehr.

Die Jungsteinzeit ist in der Menschheitsgeschichte die Epoche des Übergangs der Sammler und Jäger zu sesshaften Strukturen mit Ackerbau und Viehzucht. Dorfgemeinschaften entstanden, und Nahrungsproduktion mit einer Vorratshaltung schufen eine größere Unabhängigkeit von Umwelt und Wetter. Mit der sich neu entwickelten Arbeitsteilung zwischen Frauen und Männern und den unterschiedlichen Verantwortungen veränderten sich sowohl ihre Muskel- als auch ihre Knochenstrukturen.

Schwerstarbeit

In den Anfangszeiten der Landwirtschaft waren es vor allem Frauen, die die Verantwortung für die Bewirtschaftung des Bodens und die Versorgung der Tiere hatten. Oft mehr als fünf Stunden pro Tag wurde mit einfachsten Mitteln wie einem Stein-Stößel und einer Stein-Schale das Korn gemahlen. Sie mussten Futter für die Tiere suchen, trugen Wasser oft meilenweit, und die Bearbeitung des Bodens mit einfachen Holzwerkzeugen war mühsam und langwierig. Dazu kam das Schlachten und Zerteilen der Tiere, die Verarbeitung der Milch, die Herstellung einfachster Textilien und die Versorgung der Familie.

Der Gruppe um Alison Macintosh vom Institut für Archäologie in Oxford gelang es zum ersten Mal, aufgrund der Knochenstrukturen den Körperbau der Frauen aus dieser Zeit zu erforschen. Frauen der Frühsteinzeit hatten eine hoch entwickelte Muskelstruktur, die sogar jener der modernen Sportlerinnen überlegen ist, schreibt die Forscherin in ihrem Aufsatz in ‚Science Advances’. Die Erkenntnisse der Wissenschaftler zeigen, dass diese Frauen eine ideale Verteilung der Muskelstruktur hatten. Die Vielfalt der Arbeiten hatte keine besondere Betonung einzelner Körperteile zur Folge.

Auch zeigen die Vergleiche der Skelette untereinander keine Unterschiede. Die Forschergruppe schließt daraus, dass es unter den Frauen keine Arbeitsteilung gab. Jede musste scheinbar für jede Tätigkeit zur Verfügung stehen und schien im Alltag immer wieder unterschiedliche Tätigkeiten übernommen zu haben. Es gab nicht jene, die nur die Tiere versorgten, den Boden bearbeiteten oder die Textilien herstellten.

Arbeit besser als ‚Work-Out’

Auf der Grundlage dieser Ergebnisse meldeten sich einige Sportmediziner zu Wort und leiteten davon ab, dass die Vielzahl der unterschiedlichsten körperlichen Arbeiten in dieser Epoche zu einer weitaus gesünderen Muskelstruktur des Körpers führte wie der angeblich gezielte Muskelaufbau durch spezifisches Training mit komplizierten Geräten in sogenannten ‚Work-Out-Studios’.

Als man einer Gruppe von Trainern in einem ‚Health-Club’ in London die nachgezeichneten Körper dieser Frauen aufgrund der Forschungsergebnisse der Knochenstrukturen zeigte, meinten diese, solche Muskelstrukturen könnten nur durch jahrelanges Training erzielt werden, mit einem individuell erstellten Fitnessplan. Nach der Klärung der Umstände lachten sie und meinten, diese Frauen würden keinen Sport-Klub benötigen. Einer fügte hinzu, dass er manchmal die Fotos von Fabrik- oder Straßen-Arbeitern aus der Zeit vor hundert Jahren betrachte. Die Männer würden weitaus besser geformten Körper zeigen als alle Fitness-Fanatiker in dem Klub, in dem er arbeite.

Auch Männer waren in der Frühsteinzeit weitaus kräftiger als ihre Artgenossen im 21. Jahrhundert. Aufgrund von Knochenfunden konnte man nachweisen, dass Männer bis zum 4. Jahrhundert v.Ch. eine stärkere Beinmuskulatur hatten als moderne Spitzenathleten.

Interessanterweise kannte die Wissenschaft die Unterschiede bei Männern schon lange. Bei Frauen sind es allerdings neue Erkenntnisse. Laut Dr. Macintosh liegt das daran, dass Knochenfunde von Frauen meistens in einem schlechteren Zustand sind als jene der Männer, was wiederum darauf zurückzuführen sei, dass Frauen in dieser Zeit weitaus schwierigere Arbeiten verrichten mussten als Männer.

Für ihre neuen Forschungen untersuchte die Universität 18 Ruderinnen von Oxford, 11 Spieler der Fußballmannschaft und die besten 11 unter den Langstreckenläufern. Die gesamte Knochenstruktur wurde vermessen und mit 31 Skeletten verglichen, die man in einer neolythischen Grabstelle fand. Auf der Grundlage von bereits bekannten Analysen aus späteren Perioden erkannten die Forscher, dass während der Bronze- und Eisen-Zeit (etwa 2300 v.Ch. bis 100 n.Ch.) Körperform und Knochenstruktur sich den heutigen Werten näherten. Vor dieser Zeit hatten vor allem Frauen wesentlich stärkere Arme und Männer kräftigere Beine.

Neben der Entwicklung von Werkzeugen und Geräten für die Landwirtschaft brachte der rotierende Mahlstein die entscheidende Erleichterung. Eine Forschergruppe in Prag baute einst die beiden Mahlvorrichtungen nach und fand heraus, dass die Verwendung eines Stößels in einer Schale viermal so lange dauert und mehr als doppelt so viel Muskelkraft benötigt.

Doch die moderne Fitness-Idee hat sich längst von körperlicher Arbeit und Tätigkeit losgelöst. In Fitness-Studios laufen Frauen und Männer auf Laufbändern wie Mäuse in einem Rad, während draußen oft die Sonne scheint und jede Stadt genügend Parkanlagen und Grünflächen bietet. Der Zustellungsdienst bring die Lebensmittel, anstatt das Bedürfnis nach Muskelaufbau mit der Einkaufstasche auf dem Weg zu Fuß von Supermarkt nach Hause zu befriedigen. Fitness-Trainer entwickeln komplizierte Pläne für futuristische Fitness-Zentren mit Maschinen, die an Franz Kafkas Erzählung ‚In der Strafkolonie’ erinnern.

Und all das, um letztendlich einen Körper zu haben, der jenen der Bäuerinnen und Jäger der Ur-Steinzeit immer noch weit unterlegen ist.

 

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