AUFSTAND IN AUSCHWITZ

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Photo: Bundesarchiv Bild 183-N0827-318, CC BY-SA 3.0 de
Eine Gruppe Juden aus Ungarn nach der Ankunft in Auschwitz im Sommer 1944

16. Mai 1944: Der vergessene Roma- und Sinti-Aufstand in Auschwitz

2014, siebzig Jahre nach dem vergessenen Aufstand der Roma und Sinti in Birkenau-Auschwitz, sammelten sich zum ersten Mal Vertreter der Polnischen Regierung, verschiedener Organisationen der Roma und Sinti, Diplomaten der Europäischen Union und einige wenige Überlebende, um an dieses Ereignis zu erinnern. Gleichzeitig wurde der 2. August ‚Internationalen Roma Holocaust‘ Tag ernannt.

In der Aufarbeitung der Geschichte des Holocaust wurde das Schicksal der Roma und Sinti nur allzu oft vergessen oder ignoriert. Umso bemerkenswerter sind die Ereignisse des 16. Mai 1944, als ein spontaner, völlig unvorbereiteter und unorganisierter Protest die Liquidierung des sogenannten Zigeuner-Lagers in Auschwitz verhinderte.

Der Lagerkommandant von Auschwitz, Rudolf Höss, begann angesichts des drohenden Kriegsendes bereits zu Beginn 1944, die Kapazität des Lagers auszubauen und zu vergrößern. Es begann ein zynischer Wettlauf mit den sich nähernden Sowjetischen Truppen und dem Aufbau neuer Rampen für ankommende Züge und sogenannter Desinfizier-Räume, wo sich die Häftlinge entkleiden mussten, bevor sie in den Gaskammern ermordet wurden.

Angesichts der großen Anzahl ungarischer Juden, die ab März 1944 nach Auschwitz deportiert wurden, beschloss der Lagerkommandant, das Zigeuner-Lager aufzulösen, was nach dem damaligen Sprachgebrauch nichts anders hieß, als alle Häftlinge umzubringen. Am 15. Mai ging der Befehl an den Kommandanten des Zigeuner-Lagers, für den 16. Mai eine sogenannte Lagersperre zu verhängen, was bedeutete, dass niemand die Baracken verlassen durfte.

Tadeusz Joachimowski, ein politischer Häftling, der als Schreiber dem Zigeuner-Lager zugeteilt war und überlebte, beschrieb die Ereignisse des 6. Mai nach dem Krieg:

»Der letzte Kommandant des Zigeuner-Lagers war ein Jugoslawe namens Bonigut, der immer wieder Häftlingen geholfen, und sich nicht wie die üblichen SS-Männer verhalten hatte. Er kam am 15. Mai zu mir und berichtete über die Pläne der Lagerleitung. Dr. Mengele habe ihn persönlich über den Befehl der politischen Abteilung informiert, dass alle Roma/Sinti Häftlinge durch Gas umzubringen seien. Weiter verriet er mir, dass der entscheidende Befehl die sogenannte Lagersperre sei, dann würde man mit dem Transport der Gefangenen zu den Gaskammern beginnen. Ich informierte einige Häftlinge, denen ich vertrauen konnte, denn ein Verrat hätte uns allen sofort das Leben gekostet.

Am 16. Mai um 19:00 Uhr hörte ich den Gong und durch die Lautsprecher wurde der Befehl der Lagersperre verlautbart. Wenige Minuten später näherten sich Lastkraftwagen den Baracken der Häftlinge, etwa 60 SS-Männer mit Maschinenpistolen sprangen von den Autos und umringten die Gebäude, wo die Gefangenen lebten. Sie brüllten und schrien und forderten die Häftlinge auf, aus den Baracken zu kommen. Es war jedoch völlig ruhig. Niemand antwortete, und keiner kam aus den Gebäuden. Die SS-Männer tobten und drohten, alle zu erschießen, doch es nützte nichts. Die Häftlinge ließen sich nicht einschüchtern. Einige wenige SS-Männer betraten die Baracken und fanden die Häftlingen schweigend in der Mitte der Häuser stehend, jeder mit einem Holzbrett, einem Stein oder einem Werkzeug bewaffnet. Sie reagierten einfach nicht auf die Aufforderungen, die Gebäude zu verlassen und die SS-Männer zogen sich zurück.«

Der verantwortliche SS-Kommandant informierte vom Büro des Barackenleiters aus die Lagerleitung, die offensichtlich eine Konfrontation mit den Häftlingen vermeiden wollte. Nach etwa einer halben Stunde zog die SS ab, obwohl es ein leichtes gewesen wäre, die Baracken einfach zu stürmen. Zu diesem Zeitpunkt lebten etwa 6.500 Häftlinge im Zigeuner-Lager.

Trotz ihres heldenhaften Widerstands konnten die meisten Gefangenen des Zigeuner-Lagers nicht gerettet werden. Im Laufe der nächsten Monate kamen immer mehr ungarische Juden nach Auschwitz, wo sie in einer mörderischen Rate von bis 12.000 Personen pro Tag durch Gas getötet wurden. Die meisten wurden vor der Ermordung im Zigeuner-Lager untergebracht. Um Platz zu schaffen und auch den Widerstand zu brechen, verteilte man die Häftlinge auf andere Konzentrationslager. Ein Teil der ‚arbeitsfähigen’ und jüngeren Männer unter den Roma wurde nach Buchenwald transportiert. Zuletzt lebten nur mehr weniger als 3.000 ältere Personen, Frauen und Kinder im Zigeuner-Lager, die am 2. August 1944 an einem einzigen Tag ermordet wurden.

Josef Mengele, der die Zwillinge unter den Roma in seine Abteilung holte, erschoss diese nach dem Tötungs-Beschluss der Lagerleitung eigenhändig. Irma Vladova-Krausova war die einzige, die mit ihrer Schwester überlebte. Durch einen Irrtum, da sie ihrer Schwester nicht besonders ähnlich sah, brachte man sie zurück ins Lager zu den anderen Häftlingen. Ihre Erinnerungen gehören zu den erschütterndsten Dokumenten über diese Epoche.

Von den 40.000 deutschen und österreichischen Sinti und Roma überlebten nur 25.000 den Rassenwahn der Nationalsozialisten. Die Gesamtzahl der ermordeten Roma und Sinti ist bis heute nicht genau erforscht, liegt jedoch laut Historikern bei 300.000 bis 500.000. Der 16. Mai ist ein wichtiger Tag für die Gemeinschaft der Roma und Sinti und gilt als Symbol des Widerstands.

Über den Autor / die Autorin

Peter Sichrovsky

Klassische Dilettanten-Karriere, wenig von viel und viel von wenig zu wissen, zu können, nach Studium der Chemie Marketing in Pharmaindustrie, dann Journalist, Schriftsteller, Mit-Gründer des Standards, SZ/Stern Korrespondent in Asien, EU-Parlamentarier, die letzten zehn Jahre Industrie-Karriere in Süd-Ost-Asien, 23 mal übersiedelt und nach Wien, Berlin, New York, München, New Delhi, Singapur, Hong Kong, Manila, Los Angeles und Brüssel in Chicago gelandet. Seit September 2017 lebt Peter Sichrovsky in London.

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