Feuilleton

Schwer verdaulich

Im Tumult der Meinungen

Seit Wochen und Monaten – eigentlich seit Jahren – überschlagen sich die Ereignisse und Nachrichten. Landesweit, europaweit, weltweit.

Allein das Nachrichtenknäuel zu entwirren und die einzelnen Tatbestände einzuordnen, kostet jede Menge Energie und absorbiert viel von meiner Aufmerksamkeit, die ich lieber anderen Dingen zuwenden würde. Und hinter jedem Tatbestand lauert ein Wust von Meinungen, der ebenfalls zu durchdringen ist – selten mit Gewinn, öfters unter Verlust meiner gewöhnlich robusten guten Laune.

Warum eigentlich? Ist Meinungsvielfalt nicht etwas Gutes? Gilt es nicht seit Jahrzehnten als Ausweis demokratischer Tugenden und mündiger Bürger, wenn letztere sich eine Meinung bilden und sie vernehmbar äußern? Ist nicht ‚Kommunikation‘ so etwas wie der Heilige Gral der Moderne? Dessen Hochamt in einer Vielzahl von Medien gefeiert wird? Das im Internet, jenem Tummelplatz zugespitzter Meinungen, seine Vollendung erfährt?

Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich schätze es sehr, wenn jemand eine Meinung hat, journalistisch oder privat. Wenn es denn wirklich eine ist.

Mein Problem im Tumult der Meinungen ist vielmehr, dass sie mehrheitlich eben keine sind. Sondern kaskadenartig nachgeplapperte Wiederholungen oder sinnfreie Schlussfolgerungen, die wenig mit den zu beklagenden Tatsachen und sehr viel mit der Seelenverfassung derer zu tun haben, die sie in die Welt setzen.

Statt den Dingen auf den Grund zu gehen, kehren sie bei sich selber ein und nutzen jedes Vorkommnis dazu, laut und deutlich zu sagen, was sie immer schon dachten.

Meinung …

Die schiere Masse der Äußerungen, ihr ebenso eindringliches wie im letzten mechanisches Verkünden erinnert ein bisschen an das seelenlose Essen in Großkantinen, untermalt von Stimmengewirr, Besteckklappern und Allerweltsküchengerüchen. Und das bringt mich auf einen Gedanken: Kann es sein, dass am Ende nicht nur das Meinungsgetöse unserer problemgeladenen Zeit, sondern grundsätzlich alles Sprechen und Denken etwas mit Essen und Verdauen zu tun hat, sozusagen auf intellektuell-strapaziöse Art? Fast will es so scheinen.

Die menschliche Wahrnehmung mündet jedenfalls, anders als bei Tieren, in einen geistigen Verdauungsvorgang, der das vorhandene Denkvermögen hier und da deutlich überfordert. Kein Wunder, wenn das daraus resultierende Meinungsgerüst oftmals eine bedenkliche Statik ausweist.

Manche Leute stopfen sich mit Informationen voll wie mit Bratkartoffeln und wähnen sich auf dem Niveau eines Restaurantkritikers. Umgekehrt analysieren sie die komplexesten Zusammenhänge mit derselben Gedankentiefe, die es braucht, um ein Leberwurstbrot zu schmieren.

Denken, Sprechen und Meinen hat tatsächlich sehr viel mit Ernährung zu tun. Die Analogie trägt aber noch weiter. Die Trolle im Internet bspw. sind so etwas wie die Kellner von Fast-food, dessen simple Rezeptur in politischen Konzernküchen erdacht wurde. Die Medien sind Gaststätten, in denen man schlechter oder besser speist. Und was die Bewirteten im Anschluss an die servierten Mahlzeiten so von sich geben, ist gewissermaßen der verdaute Rest – der, in Massen abgesondert, pardon, mitunter zum Himmel stinkt.

… oder geistiger Schluckauf

Bevor die Analogie noch mehr ins Kulinarische driftet, möchte ich einen anderen, versöhnlicheren Vergleich anstellen. Dazu muss man in Hinsicht aufs Sprechen und Meinen den ohnehin überschätzten kommunikativen Aspekt endgültig beiseite tun.

Wie wäre es denn, frage ich mich, wenn es sich bei der Mehrzahl des Meinens und Sprechens nicht allein um einen intellektuellen Ernährungs- und Verdauungsvorgang handelt, sondern auch um die zwar taghelle, aber nur scheinvernünftige Entsprechung nächtlich-rätselhafter Träumereien?

Wenn also unser logisches bzw. um Logik bemühtes Denken ganz wesentlich eine kognitive, möglicherweise zu Teilen kollektive Imagination wäre, eine Art Spiegel oder Zerrspiegel der Tatsächlichkeit, die wir mittels kognitiver Techniken zwar verarbeiten, aber nur selten auch durchdringen? Dann wäre, stelle ich halb belustigt, halb beunruhigt fest, das ganze nervende Meinungsgewirr nur noch ein unkonditionierter Reflex.

Eine Art Augenblinzeln. Ein Zucken und Rucken. Ein geistiger Schluckauf sozusagen.

 

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