Deutschland

Angst vor der Wahrheit

Zeitgeschichte

(Götz Aly, SZ) »Raul Hilbergs Buch „The Destruction of the European Jews“ gilt heute als Standardwerk zur Geschichte des Holocaust. Lange haben deutsche Historiker und Verlage die Übersetzung der bahnbrechenden Studie behindert.

Dieser Tage findet in Berlin eine Internationale Historikerkonferenz zum Andenken an Raul Hilberg statt, der vor zehn Jahren starb. Hilberg, und niemand sonst, hatte in den 1950er-Jahren die streng auf Quellen basierte Holocaustforschung begründet. In Wien 1927 geboren, flohen seine aus Galizien zugewanderten jüdischen Eltern mit ihm 1939 über Frankreich und Kuba in die USA. 1945 kehrte Hilberg als 18-jähriger Infanterist in das zertrümmerte Großdeutsche Reich zurück. Weil er die Sprache beherrschte, wurde er schon im Mai 1945 in München eingesetzt, um Regierungsdokumente für die geplanten Kriegsverbrecherprozesse gegen die deutsche Führung zu bewerten. Später förderten linke Emigranten wie der Sozialhistoriker Hans Rosenberg und der Autor des „Behemoth“, Franz Neumann, den Studenten Hilberg in New York.

Auf solchen lebensgeschichtlichen Grundlagen entstand dessen heute weltberühmtes Werk „The Destruction of the European Jews“. Ohne ein einziges moralisierendes Adjektiv und streng systematisch aufgebaut, enthielt sich Hilberg jeder Reduktion auf Hitler oder die SS-Schergen, die Bourgeoisie oder den Kapitalismus. Stets blieb er neuen Erkenntnissen aufgeschlossen. Nachdem ihn Eberhard Jäckel in den USA besucht und eingeladen hatte, erstmals im Land der Verfolger zu sprechen, lernten wir uns 1984 in Stuttgart kennen.

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