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Wohnen in Wien

(Rosemarie Schwaiger, Clemens Neuhold, profil)

Der rote Mythos von der sozialen Durchmischung bröckelt gewaltig

»Die Wiener SPÖ war stets besonders stolz auf die gute soziale Durchmischung der Stadt. Doch die Gräben zwischen Arm und Reich, Einheimischen und Ausländern haben sich merklich vertieft. Michael Häupls Nachfolger hat viel zu tun, wenn er diese Entwicklung stoppen will.

Das ORF-Zentrum in Wien ist vom Trubel der City ziemlich weit entfernt. In der Villengegend am Hietzinger Küniglberg geht es ruhig und beschaulich zu. Was das Leben in der Stadt stressig, anstrengend oder auch verstörend machen kann, kommt für gewöhnlich nicht bis hierher.

Einem ORF-Mitarbeiter, der im weniger entrückten Bezirk Favoriten wohnt, fiel auf dem Weg zur Arbeit jüngst wieder auf, wie krass sich seine beiden Lebenswelten unterscheiden: „14A Station Erlachplatz, Favoriten, Donnerstag halb zwei: die anderen 2 autochthonen Österreicher im vollen Bus sind über 70. Ab dem Gürtel ändert sich das Bild“, schrieb der Journalist auf seinem privaten Twitter-Account. Allgemeine Empörung war die Folge. Der Tenor: Er sei wohl ein verkappter Rassist, wenn er im Bus nichts Besseres zu tun habe, als Ausländer und Einheimische zu zählen. Dabei hatte der ORF-Mann nur auf die Realität in Wien hinweisen wollen: „Es ist schlecht, dass wir von Multikulti reden, de facto aber in abgeschlossenen, kaum durchlässigen Blasen leben. Und dieser Trend wird stärker“, erklärte er.

Wahrscheinlich hätte die kleine Anekdote in einer anderen europäischen Großstadt weniger böses Blut verursacht. Für einen richtigen Wiener gehört es jedoch zur ideologischen Grundausstattung, die perfekte soziale Durchmischung seiner Stadt zu loben. Paris, London oder Rom mögen ihre Glasscherbenviertel und Banlieus haben – in Wien wohnen Arm und Reich, Einheimische und Zuwanderer seit jeher friedlich Tür an Tür und teilen sich dieselbe Infrastruktur. So weit die Theorie. Auch im soeben entschiedenen Kampf um die Nachfolge von Langzeitbürgermeister Michael Häupl ging es häufig um den angeblich so großartig funktionierenden sozialen Ausgleich in der Stadt. Das Gratisblatt „Heute“ veröffentlichte etwa Mitte Jänner einen Wordrap mit den zwei Kandidaten Michael Ludwig und Andreas Schieder. Beide wurden gefragt, welche drei Dinge sie an Wien besonders toll finden. Antwort Ludwig: soziale Durchmischung, Zusammenhalt, Gemütlichkeit. Antwort Schieder: Lebensqualität, öffentliche Verkehrsmittel und, erraten, soziale Durchmischung.«

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