fbpx
Antisemitismus Russland

Wie Stalins antisemitische Hetze über die Juden hinwegrollte

(Sonja Margolina, NZZ)

Der gebratene Hahn

»Jugenderinnerungen muten zumeist an wie kurze Filmschnitte, plötzliche Einblenden. Geschehnisse, die einen einst erschüttert haben, rufen keine Emotionen mehr hervor und verflüchtigen sich schnell, wie der Nebel über dem Moor. Man ist deshalb überrascht, wenn ein längst vergessen geglaubtes Ereignis auf einmal ins Bewusstsein zurückdrängt und sich so unmittelbar und lebendig anfühlt, als wäre es erst gestern geschehen.

Dann sehe ich mich in einem geräumigen Schulsaal inmitten von Schülern und Lehrern sitzen. Die ganze Oberstufe wurde zusammengetrommelt, weil der Schulleiter uns etwas sehr Wichtiges mitteilen soll. Schnaufend steigt er auf das Podium. Bei seinem Anblick fangen manche an zu kichern, andere stossen sich mit dem Ellenbogen in die Magengrube. Sein Spitzname ist ›Pfannkuchen mit Kacke‹, weil er dick ist und Mundgeruch hat. Von ihm wissen die Schüler lediglich, dass er ein Berufsmilitär war und auch nach dem Krieg weiter als Artillerieoberst diente. Da mich eine Lehrerin mochte, weihte sie mich in sein Geheimnis ein: 1951 wurde er als Jude aus der Armee hinausgeschmissen. Das liess mich jedoch kalt.

Als er mit seiner Ansprache anfing, verstummten die notorischen Krachmacher und Lachkanonen. Er schaute über unsere Köpfe hinweg und sprach von Todeslagern, die er auf seiner Polenreise besucht hatte. Kurzatmig, wie er war, beschrieb er in abgehackten Sätzen den ganzen Vorgang von der Ankunft der Transporte bis zum Betreten der Gaskammer. Im Raum herrschte bedrückende Stille. Bei der Schilderung der Haar- und Brillenberge bekam meine Nachbarin Schluckauf. Das Ungeheuerliche, das von den Nazischergen den Sowjetmenschen, der Zivilbevölkerung angetan wurde, ging unter die Haut. Dann läutete die Schulglocke.«

Hier weiterlesen

 

Hat Ihnen der Beitrag gefallen? Dann unterstützen Sie bitte die SCHLAGLICHTER!

 Über diesen Beitrag auf Facebook diskutieren