Europa Funksprüche

Wertegefasel

Die ‚europäischen Werte‘ sind nichts als Worthülsen

(Jürgen Wertheimer, NZZ) »Humankapital, Kollateralschaden, Herdprämie, Wohlstandsmüll – alles kalter Kaffee. Der neue Star der Szene auf der Deponie des Sprachmülls müsste eigentlich ‚europäische Werte‘ heissen. Nein, natürlich wird die Sprachjury keine Sekunde ernsthaft daran denken, das Begriffsdouble der europäischen Werte zum Unwort des Jahres zu küren. Dabei hätte der Begriff wahrhaft das Zeug, um an oberster Stelle der sprachlichen Unterwelt zu rangieren: Mutter der Leerformeln, schön bedeutungsfrei und rücksichtslos inflationär gebraucht.

Der Begriff ist aus den Ufern seines semantischen Betts getreten, hat alle Dämme der Vernunft unterspült und treibt seitdem frei flottierend in der Gegend herum. Das Label der europäischen Werte ist nicht nur an die Stelle der Werte selbst getreten – es ersetzt zugleich auch deren konkrete Benennung, ja überhaupt jeden Hauch von Präzision und Konkretheit. Europa kommt sich selbst abhanden und versucht krampfhaft, Kante zu zeigen. Das Gespenst ‚europäischer‘ bzw. ‘christlich-abendländischer Werte‘ geistert unstet zwischen den Hochglanzruinen Strassburgs und Brüssels herum.

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