Feuilleton

Wen Facebook sperrt

Facebook und die Meinungsfreiheit

(Heiko Heinisch, Die Kolumnisten) »“Du bist vorübergehend für das Posten gesperrt.“ Mit dieser Meldung machen immer mehr Menschen auf Facebook Bekanntschaft. Verbunden ist sie mit einer Angabe über die Dauer der Sperre (zwischen einem und 30 Tagen) und der Warnung, „dass das wiederholte Posten von Inhalten, die auf Facebook nicht erlaubt sind, dazu führen kann, dass das entsprechende Konto dauerhaft gesperrt wird“, also der Androhung einer lebenslangen Verbannung. Noch häufiger werden von Facebook einzelne Postings gelöscht, weil diese nicht den „Gemeinschaftsstandards“ entsprochen hätten. Eine Möglichkeit zum Widerspruch, zur Verteidigung, sucht man vergeblich, die Kommunikation mit Facebook ist in aller Regel eine einseitige: Facebook – Ankläger und Richter in einem – verlautbart sein Urteil, die User/innen haben dieses schweigend zur Kenntnis zu nehmen.

Die Gemeinschaftsregeln

Nun sollte man bei diesem Vorgehen erwarten, dass die Regeln über erlaubte und verbotene Postings, die sogenannten Gemeinschaftsstandards, in einfacher und verständlicher Form dargelegt und für die User/innen nachvollziehbar durchgesetzt werden. Ersteres ist der Fall. Aber mit der Nachvollziehbarkeit ihrer Anwendung ist es nicht weit her. Entweder meint Facebook mit dem Geschriebenen anderes als gemeinhin üblich oder jene, die über Löschungen und Sperren zu entscheiden haben, halten sich nicht an die eigenen Regeln.

Facebook entfernt sämtliche Hassbotschaften, d. h. Inhalte, die Personen aufgrund der folgenden Eigenschaften direkt angreifen: Rasse, Ethnizität, Nationale Herkunft, Religiöse Zugehörigkeit, Sexuelle Orientierung, Geschlecht bzw. geschlechtliche Identität oder Schwere Behinderungen oder Krankheiten.

Von Inhalten, die einzelne Religionen oder Weltanschauungen kritisch oder satirisch beleuchten, ist in den Gemeinschaftsstandards an keiner Stelle die Rede. Sie decken sich im Großen und Ganzen mit den gesetzlichen Bestimmungen, die die Meinungsfreiheit überall dort einschränken, wo andere Menschen in ihren Rechten verletzt werden: Persönliche Beleidigungen, Drohungen, Verhetzung oder Aufrufe zu Gewalt und Gesetzesbruch. Das ist die Theorie. Die Löschpraxis von Facebook scheint jedoch in keinerlei Zusammenhang zu diesen Regeln zu stehen. Wer hat nicht schon einmal persönliche Beleidigungen oder gar Drohungen gegen die eigene Person gemeldet und bekam die nette, aber nichtssagende Rückmeldung von Facebook:

Danke für dein Feedback. Danke, dass du uns das mitgeteilt hast. Wir haben uns das Posting angesehen. Obwohl es gegen keinen unserer Gemeinschaftsstandards verstößt, war es richtig, uns zu informieren.

Hier weiterlesen 

 

Kommentar verfassen