Europa

Weder Wille noch Idee

(Dominik Feusi im Interview mit Karl Schwarzenberg, BAZ)

Vielleicht müssen wir die Sache an die Wand fahren

»Der frühere tschechische Aussenminister Karl Schwarzenberg über Europa, seine Politiker, das ›barbarische‹ 20. Jahrhundert und warum Regeln wichtiger sind als Werte.

BaZ: Herr Schwarzenberg, Tschechien hat im letzten Jahrhundert immer wieder schreckliche Brüche erlebt, das können wir uns in der Schweiz kaum vorstellen …

Karl Schwarzenberg: Mein Bruder, der als Bankier in Zürich ein richtiger Schweizer geworden ist, war einmal in Basel bei einer bekannten Patrizierfamilie eingeladen. Plötzlich entdeckte er – in einer Ecke versteckt – einen Holbein an der Wand. Er wunderte sich darüber und fragte die Hausherrin, wieso das Bild so versteckt in der Ecke hänge. Sie sagte: »Als mein Ahne sich malen liess, hat er es dort aufgehängt.« Hier in Prag wäre das Bild drei Mal geplündert, gestohlen und konfisziert worden. Das ist – kurz gesagt – der Unterschied zwischen der Schweiz und Tschechien.

Tschechien war Teil der kaiserlichen und königlichen Monarchie, und nach dem Ersten Weltkrieg die einzige Demokratie, die nicht autoritär abdriftete. 1938 wurde es von England und Frankreich verraten, darauf von den Deutschen eingenommen, von den Kommunisten 1948 überrumpelt, 1968 von den Sowjets überrollt und erst 1989 befreit. Sie haben viele von diesen Brüchen erlebt.

Nicht alle, aber ab Februar 1948 kann ich mich an alles erinnern.

Welches war der prägendste Bruch dieses Jahrhunderts für Ihr Land?

Das war das Abkommen von München von 1938 und die ausbleibende Reaktion darauf. Es war eine Katastrophe, die dem Land das moralische Rückgrat gebrochen hat. Eine geistige Kapitulation.

Warum eine Kapitulation?

Jeder – angefangen beim einfachen Strassenarbeiter bis zu meinem Vater – wollte kämpfen. Aber der Präsident hat kapituliert. Ähnlich war das 1948 und wiederum 1968.

Sie sagten einmal, Sie hätten von diesen «kampflosen Niederlagen» einen Komplex davongetragen.

Ja. Und den werde ich nimmer los, genauso wie viele Tschechen.

Man hätte kämpfen müssen, finden Sie?

Immer! Schauen Sie nach Polen: Warschau wurde von den Deutschen zwar zerstört, aber die Polen sind ein stolzes Volk. Prag ist voller schöner Denkmäler, aber die psychischen Schäden dieses Verschontwerdens sind katastrophal.«

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