Deutschland Feuilleton

Sie können alles sagen …

(Alexander Wendt, Publico)

… passen Sie bloß auf!

»Sehr vielen außerhalb des Handball-Publikums sagte der Name des Ex-Nationalspielers Stefan Kretzschmar bis vor ein paar Tagen nichts. Nach seinem Interview mit T-Online genießt er eine milieuübergreifende Bekanntheit. Es könnte gut sein, dass er sich mit dem hier erstmals vorgeschlagenen Begriff Kretzschmar-Effekt eine langfristige Prominenz sichert. Kretzschmar hatte in einem Interview mit T-Online gesagt:

Welcher Sportler äußert sich denn heute noch politisch? Es sei denn, es ist die Mainstream-Meinung, mit der man nichts falsch machen kann. Eine gesellschafts- oder regierungskritische Meinung darf man in diesem Land nicht mehr haben. Wir Sportler haben in Deutschland eine Meinungsfreiheit, für die man nicht in den Knast kommt. Wir haben aber keine Meinungsfreiheit im eigentlichen Sinne. Wir müssen immer mit Repressalien von unserem Arbeitgeber oder von Werbepartnern rechnen. Deswegen äußert sich heute keiner mehr kritisch.

Worauf ihn eine Welle medialer und politischer Empörung und strenger Zurechtweisung traf, die fast den Eindruck hinterließ, er könnte mit vier Sätzen einen neuralgischen Punkt erwischt haben. Tagesspiegel-Redakteur Louis Richter fand die Bemerkung des Sportlers nahe an ›plumper Dummheit‹, denn:

Man muss diese Aussagen aber auch als das einordnen, was sie sind: falsch und gefährlich […]

So vertritt zum Beispiel Christian Streich, der Trainer des Fußball-Bundesligisten SC Freiburg, immer wieder klare Positionen für Toleranz und gegen Rassismus. Die deutsche Basketball-Nationalmannschaft nahm im vergangenen Herbst ein Video zum Thema #wirsindmehr auf, indem sie sich für ein buntes Deutschland einsetzt.

Kretzschmar aber entwertet die Bedeutung von Toleranz in diesen Zeiten, in denen sich immer mehr Menschen offen trauen, rechte Positionen einzunehmen.

Außerdem verkennt Kretzschmar, dass Sportler gerade in Deutschland sehr wohl kritische und vielleicht auch nicht unbedingt konsensfähige Meinungen vertreten dürfen. Dazu haben sie jedes Recht. Sie müssen dann aber auch mit einem entsprechenden Echo rechnen. Denn die Meinungsfreiheit hört nicht bei einer einzelnen Aussage auf, jeder darf sich vielmehr auch zu einer Meinung eine Meinung bilden und sie kundtun. So läuft das ›in diesem Land‹.

Kretzschmar sagt also, dass sich öffentliche Personen bei ihren Äußerungen lieber an feile Formeln wie ›wir sind bunt‹ und #wirsindmehr halten, mit denen sie auch noch eine risikolose moralische Rendite einstreichen, und dass sie regierungskritische Äußerungen meiden, weil sie ansonsten Angriffe fürchten müssen, die auf ihre Person und nicht auf ihre Meinung zielen, etwa durch die sofortige politische Stigmatisierung, oder Druck auf ihren Sponsor.«

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