Feuilleton Russland

Putin stürzen?

„Man sollte sich gut überlegen, ob es eine gute Idee ist, Putin zu stürzen“

(Peer Teuwsen, NZZ) »Die Geschichte Russlands ist gezeichnet von Leiden, Armut und Gewalt. Bis heute leidet das Land an der Last seiner Vergangenheit. Was ist anders an Russland? Und wie soll der Westen darauf reagieren? Der Osteuropahistoriker Jörg Baberowski mahnt zur Vorsicht.

Herr Baberowski, wer in die Geschichte der Sowjetunion und Russlands blickt, sieht eine gefühlt ewig dauernde Zeit des Leidens, der Armut, der Gewalt. Was hat diese Geschichte mit den Menschen in diesem Land gemacht?

Wer lange mit der Gewalt leben muss, wird misstrauisch. Solche Menschen halten Sicherheit und Ordnung für wichtiger als Freiheit. Die Zeit zwischen 1953 und 1985 war eine Epoche der Stabilität und des Friedens, sie war die beste Zeit im Leben der meisten Sowjetbürger. Deshalb ist es vielleicht nicht so unverständlich, dass die alte Sowjetunion bei vielen Menschen nostalgische Gefühle auslöst. Auf den Stalinismus folgte Frieden.

Sie haben in «NZZ Geschichte» einen Text über die Geschichte der russischen Revolution veröffentlicht, der den Sieg der Bolschewiki mit ihrer unbedingten Bereitschaft zur Gewalt erklärte. Warum spielte die Gewalt eine solche Rolle in der Geschichte Russlands?

Gewalt ist immer dann eine attraktive Handlungsoption, wenn man anders keine Macht ausüben kann. Man könnte auch sagen, dass, je schwächer eine politische Ordnung ist, umso grösser der Aufwand ist, den man betreiben muss, um Menschen zum Gehorsam zu zwingen. Der sowjetische Staat war nach dem Ende des Ersten Weltkriegs schwach. Im staatsfernen Raum, im Bürgerkrieg, setzt sich niemand mit einem politischen Programm durch, sondern vermittels der sichtbaren Ausübung von Gewalt. Es sind die ins Fleisch geschnittenen Botschaften, die schwache Staaten scheinbar stark machen. Wir haben daraus immer geschlossen, die Bolschewiki seien stark gewesen, weil sie gewalttätig gewesen seien. Die Ausübung von Gewalt aber ist kein Zeichen von Stärke, sondern von Schwäche. Macht, die nicht auf sich hinweisen muss, ist stark.

War der Stalinismus eine logische Folge des Leninismus?

Logische Folgen gibt es nicht. Auch hier an diesem Tisch nicht. Sie wissen ja nicht, was ich gleich tun werde. Man hat eine Wahl. Ich könnte ausfallend werden, aber es auch bleiben lassen.

Dazu sind Sie zu friedliebend.

Stimmt. Aber es gibt immer Alternativen, das wissen Historiker. Es gab in den 1920er Jahren verschiedene Möglichkeiten, die Sowjetunion in eine andere Richtung zu lenken. Wäre Stalin 1928 gestorben, hätte es wahrscheinlich keine brutale Kollektivierung der Landwirtschaft gegeben. Sie war der Anfang der despotischen Gewaltherrschaft. Die meisten Bolschewiki waren damals für die Kollektivierung, aber nicht für die Deportation von zwei Millionen Bauern. Das wollte vor allem Stalin. Es gibt keine Zwangsläufigkeit in der Geschichte. Jedes Geschehen weist ins Offene, weil wir Menschen sind, die sich für das eine oder das andere entscheiden können.

Stalin war ein Gewaltverbrecher. Wie war es möglich, dass ein monströses System wie der Gulag, dem Millionen von Menschen zum Opfer fielen, toleriert wurde?«

Hier weiterlesen

 

2 Comments

  • Ich finde das Putin heut zu Tage der besonnenste Präsident auf dem Planet Erde ist!!!
    Wäre ein anderer an der Spitze Russland wie z.B. Chruschtschow oder Breschnew hätten wir den Krieg!