Feuilleton

Politische Korrektheit

(Tina Uebel, ZEIT)

Der große Verlust

»Ich bin, und zwar von ganzem Herzen, Schriftstellerin, Reisejournalistin, Literaturveranstalterin und Weltreisende – und in allen diesen meinen Inkarnationen nagt die Political Correctness zunehmend an meinen Fundamenten. Nicht zuletzt an meinen Idealen: Aufklärung. Gleichberechtigung. Empathie und eine Mitmenschlichkeit, die blind ist für Kategorien wie Ethnie, Gender, Herkunft. War PC nicht einst, vor ihrer Hysterisierung, für ebendiese Ideale angetreten? Mittlerweile aber sind die Kollateralschäden mannigfaltig, uns Schreibende treffen sie hart, denn Sprache ist das Medium unseres Denkens und unserer Kommunikation. Ich habe von schmerzlichen Verlusten zu berichten.

Nicht jeder kann und will reisen – uns Reisenden obliegt damit eine wichtige Verpflichtung: von der Welt zu erzählen. Machen wir unseren Job gut, erweitern wir das Verständnis für andere Kulturen und minimieren die Angst vor dem Fremden. Wir haben ein Problem, dürfen wir nicht mehr über die Welt, die wir erleben, berichten, sondern nur über eine, wie sie sein sollte:

  • Ich bin mit einer kolumbianischen Familie auf einem Festival, wesentlicher Teil der dortigen Kultur ist der Hahnenkampf. In meinem Reisebericht für die ZEIT findet sich eine Passage darüber – zwischen skeptisch und amüsiert, so wie der Reisende der Welt bestenfalls begegnet –, ich soll sie streichen. Zu problematisch, sagt die Redaktion, im erwartbaren Leser-Shitstorm drohe jegliche positive Wahrnehmung der Haupterzählung unterzugehen.
  • Eine Freundin schreibt ein tiefgründiges Buch über die verschwindende Inuit-Kultur Grönlands, das Buch heißt Heute gehen wir Wale fangen. Reaktion: Hass von ›Lesern‹, die nicht mehr als den Titel gelesen haben.
  • Ein Freund beschreibt in einer Reisereportage eine aggressive Konfrontation – und deren Auflösung. Die Geschichte wird von einer Redaktion abgelehnt, weil das Verhalten der Einheimischen zu negativ sei.«

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