Europa Feuilleton

Politik mit anderen Mitteln

Viele verstehen Geschichte als Politik mit anderen Mitteln

(Erik Ebneter, Hansjörg Müller, BAZ) »Herr Zimmer, Sie haben Ihr gesamtes Studium in Zürich absolviert, aber unmittelbar nach dem Lizenziat verliessen Sie die Schweiz und gingen nach England. Was zog Sie damals fort?

Oliver Zimmer: Gegen Ende meines Studiums begann ich mich für bestimmte Themen zu interessieren, unter anderem für den Nationalismus. Dabei entdeckte ich die angelsächsische Debatte, die ich als grosse Inspiration empfand. Englische Texte über Nationalismus waren gut geschrieben und analytisch kreativ. In der Schweiz gab es dagegen nur das Echo der deutschen Debatte.

Und wie klang dieses Echo?

Nationalismus war rein politisch, war rechts, war böse. Es fehlte die Neugier, man wusste schon alles. Ein moralischer Ton durchzog die Literatur. In England wurde hingegen richtig diskutiert.

Erinnern Sie sich an ein bestimmtes Erlebnis – dass Sie dachten: Wow, so kann man also auch miteinander reden?

Vor etwa 15 Jahren war ich an einer Tagung in London, wo der marxistische Starhistoriker Eric Hobsbawm und mein Doktorvater Anthony D. Smith auftraten. Obwohl sie in entscheidenden Fragen anderer Meinung waren, verstanden sie sich bestens und respektierten ihre unterschiedlichen Positionen.

Weshalb soll das in der Schweiz nicht möglich sein?

In der Schweiz begründen analytische Differenzen politische Lager. Das linke Lager, das die Wahrheit und eine höhere Form der Wissenschaftlichkeit für sich beansprucht, dominiert seit Mitte der Neunzigerjahre an den historischen Seminaren. Viele verstehen Geschichte als Politik mit anderen Mitteln. Abweichende Positionen sind marginal vertreten. Man empfindet das Fehlen einer Meinungsvielfalt nicht als befremdlich. Man findet es absolut in Ordnung.«

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