Deutschland

Neugier auf die Wirklichkeit

›Viele Journalisten verhalten sich unjournalistisch‹

(Benedict Neff und René Scheu im Interview mit Matthias Döpfner, NZZ)

»Für Mathias Döpfner beschreibt der Fall Relotius die Probleme eines ganzen intellektuellen Milieus: Viele Journalisten schreiben für die Kollegen statt für die Leser. Während das Establishment die Political Correctness auf die Spitze treibe, radikalisiere die AfD-Szene ihre Ressentiments. Dagegen hilft nach Döpfner nur eins: Neugier auf die Wirklichkeit.

Herr Döpfner, ein gefeierter Journalist des ›Spiegel‹ hat über Jahre Reportagen erfunden und wurde dafür in Deutschland mit Lob und Preisen überschüttet. Handelt es sich beim Fall Relotius um die Geschichte eines geschickten Hochstaplers, oder steht der Fall für die Verirrungen eines ganzen Magazins oder sogar einer Branche?

Es ist mit Sicherheit kein Einzelfall, der isoliert betrachtet werden darf nach dem Motto: Da ist halt einer, der den Verstand verloren und betrogen hat. Das würde die Sache zu klein machen. Der Fall hat etwas Systemisches, das mit dem ›Spiegel‹ zu tun hat. Darüber hinaus ist er auch ein Indiz dafür, was in der Branche schiefläuft.

Woran denken Sie konkret?

Relotius hat eine Ware geliefert, die gewünscht war, und zweifellos nicht nur vom ›Spiegel‹. Diese Ware basiert auf einem bestimmten Sound, den Jurys von Journalistenpreisen gefördert haben. Aber es geht auch um die Ideologie eines intellektuellen Milieus. Da sehe ich bei Relotius einen roten Faden: Die Texte sind oft amerikakritisch, wenn nicht antiamerikanisch. Und sie basieren auf dem Prinzip der Willkommenskultur: In einem Text von Relotius träumen Flüchtlingskinder von Angela Merkel – solche Dinge werden nicht per Zufall erfunden, sondern bedienen eine ideologische Erwartungshaltung. Relotius hat einen Sound und eine Haltung geliefert, die seine Chefs wollten und die die Jurys der Journalistenpreise toll finden. Am Ende war es für ihn leichter, solche Geschichten zu erfinden, als jedes Mal aufwendig zu recherchieren. Denn die Welt sieht nicht immer so aus, wie man sie sich wünscht.

Schadet der Fall der ganzen Medienbranche?

Das lässt sich noch nicht abschätzen. Deshalb ist es so wichtig, dass der Fall sehr gründlich und selbstkritisch aufgeklärt wird. Das ist nicht nur die Aufgabe des ›Spiegel‹, sondern von allen Medienhäusern. Es darf auf keinen Fall der Eindruck entstehen, dass es eine Art Branchensolidarität gibt.

«Der Spiegel» hat sich ja der Selbstaufklärung verpflichtet – und inszeniert das auch mit einer gewissen Selbstgefälligkeit.

Man muss die heroische Aufklärung des ›Spiegel‹ ein wenig relativieren: Wenn sich ›Der Spiegel‹ nicht selbst offenbart hätte, hätte es ein paar Tage später jemand anderes gemacht. Das wäre wesentlich unangenehmer gewesen. Wir müssen uns nun alle fragen, wie wir wieder mehr Authentizität und Glaubwürdigkeit herstellen können. Auch die Jurys der Journalistenpreise müssen in sich gehen. Wenn das nicht geschieht, wird der Fall Relotius als ein Glaubwürdigkeitsverlust ersten Ranges für die gesamte Branche in die jüngere Mediengeschichte eingehen. Wer ›Lügenpresse‹ schreit, hat hier ein gefundenes Fressen.

Journalisten sollten ja auf Tuchfühlung mit der Wirklichkeit sein.Nun hat man aber selbst als Journalist zuweilen das Gefühl, dass viele Kollegen in einer Blase leben und am Publikum vorbeischreiben. Wie passt das zusammen?

Journalisten sind zusammen mit darstellenden Künstlern – in Film, Oper und Theater – wahrscheinlich die eitelste Berufsgruppe, die es gibt. Das schadet grundsätzlich nichts. Ich habe einmal ein Plädoyer für die Eitelkeit geschrieben – es kann eine wunderbare, zu Höchstleistungen antreibende Eigenschaft sein, aber man muss sie kontrollieren. Und da liegt das Problem. Viele Journalisten sind getrieben davon, bei den Kollegen gut anzukommen. Sie verhalten sich damit zutiefst unjournalistisch: Sie wollen das Juste Milieu ihrer eigenen Branche bedienen, anstatt nonkonformistisch die andere Seite der Medaille zu beleuchten. Man will der eigenen Crowd gefallen, und das führt zu Herdenverhalten, Mainstream-Denken, Konformismus in der journalistischen Darstellung und immer mehr auch zu Intoleranz gegenüber Freidenkern.«

Hier weiterlesen

 

Hat Ihnen der Beitrag gefallen? Dann unterstützen Sie bitte die SCHLAGLICHTER!

 Über diesen Beitrag auf Facebook diskutieren