Feuilleton

Mythos Fortschritt

(Oliver Zimmer, NZZ)

Deutungsmonopol über die Gegenwart

»Wer andere diskreditieren will, sagt, sie seien nicht auf der Höhe der Zeit. Gerade Intellektuelle tun gerne so, als würden sie nicht nur die vergangene Geschichte, sondern auch den künftigen Geschichtsverlauf kennen. Sie irren doppelt.

Fortschritt muss kein Mythos sein. Es kommt immer darauf an, wie man über das, was man implizit oder explizit als Fortschritt taxiert, spricht. So ist es besonders sinnvoll, darüber zu streiten, was an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit praktisch als Fortschritt zu betrachten sei. Am Anfang steht dann, wie immer im wirklichen Leben, das Fragen.

Bedeutet es Fortschritt, wenn nationale Parlamente ihre Entscheidungskompetenz herunterfahren, damit sich Länder besser an globale Trends anpassen können? Wird die zunehmende Zentralisierung staatlicher Strukturen in Europa von den Bürgern in ihrem Alltag als Fortschritt erfahren? Ist eine gewisse Zensur von Facebook und Twitter dem Fortschritt eher dienlich als die totale Liberalisierung? Zu solchen Fragen werden die Antworten, je nach dem Sitz im Leben der am Gespräch Beteiligten, unterschiedlich ausfallen.

Dank der Schaffung liberaler und zunehmend demokratischer Verfassungsstaaten durften immer mehr Menschen über die Frage, was Fortschritt im konkreten Fall bedeuten soll, miteinander in einen politischen Streit verfallen, ohne für ihre Ansichten herabgesetzt oder mit Freiheitsentzug oder Schlimmerem bestraft zu werden. Hier handelt es sich um die wichtigste bürgerliche Errungenschaft der viel zitierten Moderne. Dass es auf einmal Verfassungen gab, die solche Sanktionen zwar nicht verhindern konnten, sie aber prinzipiell zu einem Rechtsverstoss machten, war der Freiheit förderlich.«

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