Feuilleton

Mario Vargas Llosa über die liberale Demokratie

›Wir leben in einer Ordnung, in der Kapitalismus und Sozialismus zunehmend verschwimmen‹

(René Scheu im Interview mit Mario Vargas Llosa, NZZ)

»Die liberalen Demokratien sieht er in einer tiefen Krise stecken, das politische Establishment als Teil des Problems statt der Lösung. Mario Vargas Llosa reibt sich an unserer frivolen Gegenwart – und hält unbeirrt die Fackel des Liberalismus hoch. (Und notfalls schaut er zur Entspannung auch einmal ›Game of Thrones‹.)

Herr Vargas Llosa, wir leben in spannenden, zuweilen auch in ziemlich angespannten Zeiten. Welches sind die drei für Sie unglaublichsten Ereignisse, die sich in diesem Jahr zugetragen haben?

Oh, mein Gott. (Denkt länger nach.) Mir kommen eher Entwicklungen als Ereignisse in den Sinn. Zuerst einmal wäre da die erstaunliche Konsequenz, mit der Donald Trump sein Programm ›America first‹ umsetzt. Die Vereinigten Staaten legen sich mit allen an und sind nicht wiederzuerkennen. Dann, zweitens, hat sich Russland unter Putin als Weltmacht auf der politischen Bühne etabliert. Das wäre noch vor kurzem den meisten Beobachtern unglaublich vorgekommen! Und drittens: Ich beobachte mit Sorge die Tragödie, die sich in Venezuela unter Nicolás Maduro abspielt. Dieser Sozialismus, den auch in Europa anfangs manche linken Nostalgiker beklatschten, hat unglaubliches Leid über die venezolanische Bevölkerung gebracht.

Und wenn Sie weiter zurückblicken, was sind Ihrer Meinung nach die prägenden Ereignisse der letzten drei Jahrzehnte, die noch kurz zuvor kaum jemand für möglich gehalten hätte?

Erstens: der unglaublich rasche Kollaps des sowjetischen Imperiums, ja sein eigentliches Verschwinden. Zweitens: die Transformation Chinas von einem kommunistisch-totalitären Staat in eine kapitalistische Ordnung mit autoritären Zügen. Und dann, ja: der Brexit. Was diesen Punkt von den beiden vorhergehenden unterscheidet, ist immerhin dies, dass er reversibel ist – dessen ungeachtet handelt es sich, historisch gesehen, um einen tiefgreifenden Einschnitt. Wer hätte mit all diesen Wendungen rechnen können?

In der Tat scheint der Ausnahmezustand zum Normalfall geworden zu sein. Würden Sie mit Hamlet sagen, dass unsere Zeit aus den Fugen sei?

Die Zeit steht nie still, sie ist immer irgendwie aus den Fugen! Aber ja, wir erleben eine Beschleunigung, die uns den Atem stocken lässt. Bleiben wir bei Europa. Die EU ist eine grossartige Idee, an ihr wurde über viele Jahrzehnte gebaut – und nun steht plötzlich ihr Überleben auf dem Spiel. Sie wird ausgerechnet von jenen nationalistischen Kräften, die ihre Gründer ein für alle Mal überwinden wollten, in ihren Grundfesten bedroht. Was alle diese Bewegungen verbindet, ist der Schlachtruf: Nationalisten dieser Welt, vereinigt euch gegen die EU! Was für ein Hohn – und was für eine Blindheit! Niemand kann einfach Stopp rufen, rechtsumkehrt machen und zurück in die Vergangenheit marschieren. Und wer will das denn wirklich? Die Welt früher war nicht besser – und das wissen doch letztlich alle.«

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