Feuilleton

Leitfaden zur Neutralisierung der Welt

(Wolfgang Krischke, FAZ)

Die politisch korrekte Sprache als bürokratisches Projekt

»Es gibt sie noch, die Wissenschaftler. Denn die ›Wissenschaffenden‹ aus dem geschlechtspolitischen Sprachlabor schafften es auch 2018 nicht, sich durchzusetzen, nachdem sie in den Vorjahren eine kurze Blüte in universitären Pressemitteilungen erlebten. Dabei war der Ansatz innovativ: Statt einfach nur ein existierendes Partizip zum Substantiv zu erheben wie bei den Studierenden, Fördernden oder Gutachtenden, baute man das anstößige Wort gleich geschlechtsneutral um. Was hätte das etymologisch inspirierte Prinzip – Wissenschaft heißt so, weil sie Wissen schafft – wohl aus der Fachschaft, Gewerkschaft oder Witwenschaft gemacht?

Wir werden es erfahren, wenn die Zeit für den ›Wissenschaffenden‹ reif ist. Allzu lang dürfte es nicht mehr dauern, denn die genderbewusste, -sensible und-gerechte Sprache, die nicht nur Männer und Frauen, sondern dank Unterstrich, Sternchen oder X alle nur denkbaren Geschlechtsidentitäten integrieren will, hat sich im offiziellen Sprachgebrauch der Hochschulen fest etabliert und wird in den Gleichstellungs- und Diversity-Management-Abteilungen gepflegt und weiterentwickelt. Fast jede Hochschule verfügt inzwischen über Leitfäden und Empfehlungen, die die ›Dozierenden“ und ›Studierenden‹ in die korrekte Sprachbahn lenken. Die Meinung, das grammatische Genus spiegele das biologische Geschlecht, hat hier den Rang eines Glaubenssatzes, den keine noch so begründete Kritik erschüttern kann. Der Verweis darauf, dass die -er-Endung (Arbeiter) eine Funktion und kein Geschlecht bezeichnet, dass das Genus auch völlig geschlechtslose Dinge (die Gabel, der Löffel, das Messer) klassifiziert und dass bislang niemand auf die Idee gekommen ist, die geschlechtliche Asymmetrie von ›sie“ zu beklagen, weil das weibliche Pronomen im Plural und als Anredeform die Männer absorbiert – all das gilt als Rückzugsgefecht derer, die nicht verstehen wollen, wie der Geist des Fortschritts spricht.

Wie stark dieser Geist auch in den Sprachinstanzen außerhalb des Campus weht, machte die Leiterin der Duden-Wörterbuchredaktion Kathrin Kunkel-Razum deutlich, als sie in einem Interview erklärte, das Wort ›Bundeskanzler‹ dränge Angela Merkel ins Vergessen. Hier schwingt auch mit, was seit den Zeiten von Benjamin Whorf zur akademischen Popkultur gehört und den zweiten Glaubenssatz der Gendergemeinde bildet: Die Sprache, und insbesondere die Grammatik, formt das Denken so stark, dass sie die Gesellschaft prägt, weshalb zu deren Rettung logischerweise die Sprache reformiert werden muss. Dass sich eigentlich gar keine Sprachkritik entwickeln könnte, wenn die Sprache wirklich das Weltbild beherrschen würde – geschenkt.«

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