Europa International

Gefahr für Friede und Stabilität in Europa

(Gerald Hosp im Interview mit Robert Kagan, NZZ)

›Der Friede und die Stabilität in Europa sind so gefährdet wie schon seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr‹

»Der Publizist Robert Kagan ist einer der bekanntesten geopolitischen Denker in den USA. Im Interview beschreibt er die Gefährdung der liberalen Weltordnung, seine Sorgen um den Zustand Europas und mögliche Strategien der USA im Umgang mit China.

Herr Kagan, im vergangenen Jahr trat mit dem Handelsstreit zwischen den Vereinigten Staaten und China der geopolitische Wettbewerb zwischen diesen zwei Ländern verschärft in den Vordergrund. Manche Kommentatoren sprechen gar von einem neuen kalten Krieg.

Zwischen den Vereinigten Staaten und China gibt es bereits seit zwanzig oder dreissig Jahren einen geopolitischen Wettbewerb. Das ist nicht neu, wenn Sie das militärische Verhalten Chinas und der USA betrachten. Es passiert also schon seit längerem, und es war in einem gewissen Masse auch unvermeidbar. China verhält sich so wie jede aufstrebende Grossmacht: Peking möchte expandieren, mehr Sicherheit, einen Einflussbereich. Die USA sind für all das ein Hindernis.

Der Handelskrieg ist aber eine Verschärfung der Auseinandersetzung.

Die Handelsbeziehung war tatsächlich bis jetzt ein verbindendes Element. Aber schon vor Präsident Trump hatten einige Wirtschaftsvertreter den Eindruck, dass China bei den Handelsabkommen schummelt und die Rechte für intellektuelles Eigentum nicht respektiert. Was Trump jetzt macht, ist das, was viele Amerikaner möchten. Trump macht es jedoch auf seine eigene Art. Er kämpft mit harten Bandagen, oder es erscheint zumindest so, dass er es tue. Und so kam es zu mehr Spannungen wegen des Handelskonflikts. Ich gehe davon aus, dass die Chinesen nicht wissen, was Trump erreichen möchte. Was zu einer gewissen Unsicherheit führt.

Könnte der Handelsstreit zu einem grösseren Konflikt führen?

Die Bedingungen für eine Konfrontation sind vorhanden. Wenn die USA die Chinesen wirtschaftlich immer mehr unter Druck setzen, wird es wahrscheinlicher, dass sie asymmetrisch reagieren. Die Chinesen sind mehr auf den amerikanischen Markt angewiesen als umgekehrt. Washington hat deshalb in den bilateralen Beziehungen einen grösseren Hebel. China ist aber in der eigenen Region militärisch teilweise den USA ebenbürtig geworden. Und es ist ein gefährlicher Zeitpunkt, wenn die Dinge ausgeglichen werden. Eine aufstrebende Macht wie China hat dann möglicherweise das Gefühl, auf wirtschaftlichen Druck geopolitisch reagieren zu müssen.

Sie sagten, der geopolitische Wettbewerb zwischen China und den USA sei bereits rund dreissig Jahre alt. Derzeit wird auch über das Ende der liberalen Weltordnung diskutiert. Ist es nur ein Zufall, dass diese Debatten zusammen geführt werden?

China war schon immer eine Herausforderung für die liberale Weltordnung. Das Land selbst ist nicht liberal, es hat aber von bestimmten Elementen dieser Weltordnung profitiert. Was sich jetzt verändert hat, ist der Umstand, dass es nicht mehr klar ist, ob die USA für diese Weltordnung einstehen. Trump ist eindeutig feindlich gegenüber der bisherigen Weltordnung eingestellt. Das ist die neue Situation.«

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