Feuilleton Wissenschaft

Doktor fürs Wiederkäuen

Promotion in der Krise

(Maximilian Sippenauer, SZ) »Nachdem Goethes Dissertation abgelehnt wurde, machte ihm der Dekan einen Vorschlag zur Güte: Er möge doch über ein paar Thesen disputieren, was Goethe – wie er in „Dichtung und Wahrheit“ schreibt – mit „großer Lustigkeit, ja Leichtfertigkeit“ tat. Doch so sehr es Goethe amüsierte, dass ihm ein wissenschaftlich redundanter Beitrag von zwölf Seiten den Doktortitel einbrachte, so wuchs darüber auch seine tiefe Skepsis gegenüber einer institutionalisierten Wissenschaft.

Die Stellung der Promotion, des akademischen Gesellenstücks, war schon immer ein guter Seismograf für den Zustand des forschenden Denkens. Nach Goethes Zeiten wurde sie professioneller und anspruchsvoller; doch heute muss man vor allem für die Geisteswissenschaften sagen: Die Promotion steckt in der Krise.

Spätestens seit den Universitätsreformen im Zuge des Bologna-Prozesses, der eine europäische Vereinheitlichung bringen sollte, übernimmt die Promotion eine undankbare Scharnierrolle zwischen einer Post-Bologna-Realität im Studienalltag – der in diesen Tagen überall wieder beginnt – und dem Humboldt’schen Ideal von Wissenschaft. Ein bis ins Detail ausdefiniertes Studium, das schnell fit machen soll für den Arbeitsmarkt, trifft auf eine extrem uneinheitlich organisierte Universitätswelt. Bei der Promotion müssen diese inkompatiblen Vorstellungen von Wissen und Wissenschaft irgendwie zusammenfinden; mit gravierenden Folgen nicht nur für die Promovierenden, sondern auch für die Produktion von Wissenschaft.«

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