Antisemitismus

Die Weisen von Zion

Die mächtigste aller Lügen

(Wolfgang Benz, DIE ZEIT) »Ein seltsames Buch hält Philip P. Graves, Konstantinopel-Korrespondent der Londoner Times, in seinen Händen: Die erste Seite ist herausgerissen, weder Titel noch Verfasser sind zu erkennen. Ein Emigrant aus Russland hat es ihm gegeben. Graves beginnt zu lesen. Es ist ein fiktiver Dialog zwischen Machiavelli und Montesquieu. Um Frankreich geht es da und seinen despotischen Kaiser; eine Kampfschrift, vielleicht eine Satire. Viele Passagen des Buches erinnern Graves an einen anderen Text, über den gerade viel diskutiert wird: die Protokolle der Weisen von Zion. Sie belegen angeblich eine jüdische Weltverschwörung. Ein Jahr zuvor, im Juli 1920, hatte die konservative Zeitung Morning Post diese Protokolleauch in England publiziert. In der Times wurden sie rezensiert; die Redaktion weiß aber nicht recht, was man von dem Text halten soll. Nun hat Graves einen dringenden Verdacht: Sein verschlissenes Büchlein könnte beweisen, dass der Text der Protokolle anderswo abgeschrieben wurde. Er schickt es nach London. Die Times reicht es ans British Museumweiter. Bald kommt die Antwort: Der Text stammt aus dem Jahr 1864, geschrieben wurde er von dem Franzosen Maurice Joly (1829–1878). Er wollte damit Kaiser Napoleon III. und seine Politik angreifen. DieProtokolle der Weisen von Zion sind also tatsächlich ein Plagiat. Mit wichtigen Änderungen: Bei Joly geht es um den „Kaiser“ – in denProtokollen um „die Juden“. Es unterhalten sich auch nicht mehr Machiavelli und Montesquieu, sondern es spricht ein Rabbiner über die „Weisen von Zion“.

Im August 1921 erscheint in der Times eine Artikelserie, in der Graves die Protokolle als Fälschung entlarvt: Die Zeitung druckt nebeneinander Auszüge der Bücher mit eindeutigen Übereinstimmungen. Eigentlich hätte hier die Geschichte der Protokolle enden können.«

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