Feuilleton International

Die tödliche Versuchung

100 Jahre Kommunismus. 100 Millionen Tote.

(Markus Somm, baz online) »Mit Daniel Vischer, dem verstorbenen Nationalrat der Grünen, habe ich mich immer gut verstanden. Ihn einen Freund zu nennen wäre überzogen, ich gäbe etwas vor, was nicht war, so oft haben wir uns nicht gesehen – wenn wir uns aber trafen, dann waren das gute, anregende, hitzige Gespräche. Vischer war im besten Sinne des Wortes ein liberaler Linker, was es streng genommen nicht gibt, ein Zweifler und Skeptiker und Gläubiger zugleich, der sich für andere Meinungen interessierte, auch wenn seine Vergangenheit eine dogmatische war. Er glaubte an die Revolution. Er verteidigte die Sowjetunion zu einer Zeit, als nur ähnlich dogmatische Linke sich das noch trauten.

Vor Jahren, als die Weltwoche Aussagen von Vischer zum Einmarsch der Sowjetunion in die Tschechoslowakei im Jahr 1968 zutage förderte, die zeigten, dass Vischer noch in den späten 1970-er Jahren diesen gewalttätigen Akt als richtig einstufte und das auch öffentlich sagte, fragte ich ihn, warum. Warum dieses schreiende Unrecht verteidigen? Vischer dachte lange nach, es war ihm sichtlich unwohl, und doch blieb er ehrlich. Sicher, so sinnierte er, hätte er sich früher von solchen Aussagen trennen sollen: „Gewiss war die Sowjetunion nicht so herausgekommen, wie wir uns das gewünscht hatten, aber wir dachten, wir müssten sie verteidigen, komme, was wolle, weil sie eben doch eine Bastion der Linken war. Wäre sie gefallen, hätte die Linke insgesamt Schaden genommen.“«

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