Feuilleton

Die Schweigespirale

(Norbert Bolz, NZZ)

Gedanken sind nicht frei

»Die neuen elektronischen Medien haben eine Weltkommunikation in Echtzeit ermöglicht, die uns die Empfindung der Allgegenwart vermittelt. Alles, was auf der Welt geschieht, geht uns scheinbar etwas an: der Giftgasangriff in Syrien, die Wahlen in Ungarn, Donald Trumps neuster Tweet. Und damit nicht genug. Es wird auch noch erwartet, dass wir zu alledem eine Meinung haben.

Nun wäre es ja schön, wenn wir uns als aufgeklärte Bürger unsere Meinungen aufgrund einer Fülle von Fakten bilden könnten. Aber das ist natürlich völlig unrealistisch. Trotz der Nachrichtenflut verfügen wir nie über alle notwendigen Informationen, um uns wirklich eine eigene Meinung zu bilden. Deshalb fühlen wir uns unsicher. Statt klarer Antworten gibt es nur den Konflikt verschiedener Meinungen: Zwietracht, Widerstreit, Dissens.

In den goldenen Zeiten der Aufklärung war man sich noch sicher, dass der informierte Bürger Ideologien und betrügerischen Schein entlarven, die Wahrheit erkennen und sich so seine Meinung bilden könne. Heute fehlt uns schlicht die Zeit zur Prüfung der Informationen. Was Jürgen Habermas die neue Unübersichtlichkeit nannte, ist zum Normalfall geworden. Die Welt ist hochkomplex, hochgeschwind und unvorhersehbar. Und der Orientierungsbedarf grösser denn je.«

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