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Deutschland

Die grüne Bourgeoisie und ihr halbierter Liberalismus

(Andreas Ernst, NZZ)

Bürgerlichkeit ohne Bürgertum

»Deutschlands Grüne sind auf bestem Weg, die nächste Volkspartei zu werden. Sie haben in bürgerlichen Milieus Fuss gefasst. Dort stösst man sich nicht an ihrem Etatismus.

›Die Grünen haben sich zu Tode gesiegt‹, schrieb im Frühling 2015 der deutsche Historiker Paul Nolte. Grünes Gedankengut sei zum Allgemeingut geworden: vom Dosenpfand zum Atomausstieg – alle Forderungen erfüllt, das Land ›durch den grünen Bottich geschwenkt‹. Gegen diesen Mainstream wehre sich nur noch die AfD in einem ›letzten kulturkämpferischen Gefecht‹. Das war kurz vor der Flüchtlingskrise. Prognosen sind nicht das Kerngeschäft der Historiker, und Nolte räumte später auch unumwunden ein, sich getäuscht zu haben. Denn tatsächlich weisen Umfragen und Wahlerfolge in eine ganz andere Richtung. Das grüne Zeitalter ist noch nicht zu Ende. In den Landtagswahlen in Bayern überholte die Partei die Sozialdemokraten, und in Hessen liegt sie mit ihnen gleichauf. Die Partei ist auf Wachstumskurs, und manche sehen sie schon als die nächste Volkspartei.

Was hat sich verändert? Vor allem die Grünen selber. Längst vorbei sind die Zeiten der endlosen Flügelkämpfe zwischen Fundis und Realos. Einen radikalen linken Flügel gibt es nicht mehr. Das neue Führungsduo aus Annalena Baerbock und Robert Habeck wirkt cool und attraktiv – keine Spur von dogmatisch eiferndem Bürgerschreck mit Nickelbrille. Im Gegenteil. Die Partei ist im Begriff, weit ins bürgerliche Milieu auszugreifen, wo viele sich von der CDU und der SPD abgewendet haben. Die Expansion fällt erstaunlich leicht und hat viel mit den konservativen Kernbeständen grüner Ideologie zu tun.

Niemand verkörpert den langen Marsch der Grünen in die Mitte so gut wie Winfried Kretschmann, der seit 2011 Ministerpräsident von Baden-Württemberg ist.«

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