Deutschland

Deutscher Herbst

Deutscher Herbst, WG Reichsstraße 106

(Gunnar Heinsohn, Achgut) »Mein VW-Käfer, ob seiner subtropischen Farbe Klementine genannt, landet am 18. Oktober 1977 im Graben einer verlassenen Straße hoch nach Adamit an Israels Grenze zum Libanon. Das Steuer entgleitet mir jäh, als ein deutscher Nachrichtensender das Ende der Führer der Roten-Armee-Fraktion (RAF) verkündet, die auch Krieg gegen die Juden Israels geführt hat. Für den Suhrkamp-Verlag bereite ich Das Kibbutz-Modell vor, eine Untersuchung der Gemeinschafts-Ökonomie, die sich nach innen kommunistisch organisiert, aber nach außen als geldverdienende Firma agiert.

Sie ist Teil der damals weit verbreiteten Suche nach einer Existenz, der die diktatorischen kommunistischen Regimes verwirft und bis zu den liebenswerten, aber unstabilen Hippy-Aussteigern reicht. Adamit ist meine dritte Genossenschaft, wo ich in der hocheffektiven Apfelpflanzung arbeite und sozusagen live die Machbarkeit eines dritten Weges erprobe. Könnte man auf soziale Gebilde zurückschauen wie auf Liebschaften, so bliebe die intensivste Erinnerung an die 1910 mit Degania Aleph begonnene Kibbutz-Bewegung.

Sehend, dass ich im Rückwärtsgang schon wieder flott werde, schalte ich als erstes das Radio aus. Bald verstummt auch das Knistern des abgewürgten Motors. Ich denke an Jan-Carl Raspe (1944-1977). Er ist einer der Selbstmörder im Gefängnis Stuttgart-Stammheim. Ich kenne ihn seit 1967, als er sich der „Kommune 2“ anschliesst, in der sich auch meine Schwester Dagmar an antiautoritärer Erziehung versucht. Jan und ich sind Halbwaisen und haben in politischem Überschwang auf Soziologie umgesattelt, er von Chemie, ich von Jura.

Die Trauer kommt unvermittelt. Die Bedrückung speist sich aus der unterschwelligen Sorge, an seinem Ableben Mitschuld zu tragen. Dabei liegt der letzte Kontakt mehr als sieben Jahre zurück. Ich erinnere mich an die Umstände von damals: Bei der Befreiung von Andreas Baader (1943-1977) aus dem Deutschen Zentralinstitut für soziale Fragen in Berlin am 14. Mai 1970 wird der Angestellte Georg Linke durch Pistolenschüsse schwer verletzt. Daraufhin fliehen alle an der Tat Beteiligten und suchen Verstecke. Dieser Marsch in den Untergrund wird zur Geburtsstunde der „Roten Armee-Fraktion“ (RAF), die sich allerdings erst ab dem 5. Juni auch so nennt.«

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