Europa Feuilleton

Der stille Held

Gino Bartali, der stille Held

(Julian Graeber, Der Tagesspiegel) »Einhundertachtzig Kilometer. Hin und zurück. An einem Tag. Gino Bartali kannte viele Strecken in- und auswendig. Er gewann dreimal den Giro d’Italia, zweimal die Tour de France und zahlreiche Eintagesrennen. Diese 180 Kilometer zwischen Florenz und Assisi waren aber die wichtigste Etappe für Gino Bartali. Er fuhr sie zwischen 1943 und 1945 immer wieder, vorbei an Kontrollposten, Soldaten, zerstörten Häusern. In seinem Sattelrohr schmuggelte er Fotos und gefälschte Dokumente. Bis zu 800 Juden rettete er so vor der Deportation und dem Tod.

Diese humanitäre Großleistung würdigen die Organisatoren des Giro d’Italia bei der diesjährigen Italien-Rundfahrt. Am 4. Mai startet der Giro erstmals in seiner 101-jährigen Geschichte außerhalb Europas. Die erste Etappe findet in Jerusalem statt und ist Bartali gewidmet. Danach fährt das Feld zwei weitere Tage durch Israel, bevor es auf Sizilien weitergeht. Im vergangenen Jahr fuhr ein israelisches Team im Rahmen des Giros genau jene Strecke zwischen Florenz und Assisi, die Bartali einst als Kurier des Widerstands so viele Male zurücklegte.

Bartali hätte dieser Trubel um seine Person wohl eher nicht gefallen. Er hat über seine Heldentaten ja nicht einmal geredet. Nur mit einem: seinem Sohn Andrea. Der musste ihm versprechen, niemandem davon zu erzählen, zumindest zu seinen Lebzeiten. Bartali wollte nicht, dass die Geschichte bekannt wird. „Gutes tut man, aber man spricht nicht darüber“, sagte er seinem Sohn immer wieder. Und er lebte bis zu seinem Tod durch einen Herzinfarkt im Mai 2000 nach diesem Motto.

1943 hatte die Wehrmacht große Teile Italiens besetzt. Benito Mussolini rief mit deutscher Unterstützung im Norden die Republik von Salò aus – und Gino Bartali verließ fast jeden Tag mit seinem Fahrrad das Haus. Seiner Frau sagte er, er gehe trainieren. Dabei fuhr er von Florenz nach Assisi. Es war eine grausame Zeit in der Toskana. Die Straßen waren verlassen, die Menschen hatten Angst. Täglich wurden Juden deportiert. Wer sich widersetzte, wurde auf offener Straße erschossen. An Radsport war zu dieser Zeit eigentlich nicht zu denken, doch Bartali fuhr Tag für Tag über die Landstraßen. Der Zweite Weltkrieg beraubte ihn der besten Jahre seiner Karriere, eine verlorene Zeit war es aber keineswegs.«

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