Feuilleton

Barenboim, der Poltergeist

(Hartmut Welscher, Jeffrey Arlo, VAN-Magazin)

Wer hat Angst vor Daniel Barenboim?

»Dieses Mal waren es die Blumen, die Daniel Barenboim wütend machten, im Juli 2018, nach einem Gastspiel der Staatskapelle Berlin in Buenos Aires. Bis dahin war es Tradition, dass ihm ein Mitglied seines Orchesters während der letzten Verbeugungen einen Blumenstrauß überreicht. »Das sollte eigentlich eine herzliche Geste sein und unsere Verbundenheit ausdrücken«, erzählt ein Mitarbeiter. Aber Barenboim wollte den Blumenstrauß nicht. Er stieß die junge Geigerin vor den Augen des Publikums zur Seite. Sie ging wieder von der Bühne, noch immer mit den Blumen in der Hand, und brach in Tränen aus. Bald darauf gab das Orchester die Tradition auf.

In Musikerkreisen sind Barenboims Launen legendär. Er hat Wutanfälle bekommen, weil ein Bratscher die Augen verdrehte, weil ein Sänger sich zum falschen Zeitpunkt verbeugte, weil ein von ihm bevorzugter Stimmführer im Urlaub war. Er hat einen Musiker angeschnauzt, der sich wegen eines Trauerfalls in der Familie nicht so gut konzentrieren konnte wie sonst. Er hat einen Arzt beleidigt, der einen Musiker wegen einer Magen-Darm-Grippe für zu krank befand, um aufzutreten. Zwei Mitarbeiter berichten, dass Barenboim sie wütend gepackt und geschüttelt habe. 

Daniel Barenboim ist Pianist und Dirigent, aber auch Diplomat, Unternehmer, Botschafter des Friedens und der Menschenrechte. Er ist ehemaliges Wunderkind, entdeckt vom legendären Wilhelm Furtwängler, Ensemblegründer, Karrieremacher, Musikdirektor in Paris, Chicago und an der Mailänder Scala. Er hat bis heute als Dirigent und Pianist mehr als 500 Platten aufgenommen. Er wurde mit dem Großen Verdienstkreuz mit Stern und Schulterband der Bundesrepublik Deutschland, dem Ernst von Siemens Musikpreis, den Insignien eines Kommandeurs der französischen Ehrenlegion und dem Praemium Imperiale des japanischen Kaiserhauses ausgezeichnet. Er hat ein Plattenlabel gegründet und erreicht sein Publikum über einen YouTube-Kanal, eine Fernsehsendung und mehrere Büchern. In Berlin, wo er Generalmusikdirektor der Staatsoper und auf Lebenszeit Chefdirigent der Staatskapelle ist, hat er den Bau eines Musikkindergartens sowie der Barenboim-Said Akademie mitsamt dem von Frank Gehry entworfenen Pierre-Boulez-Saal initiiert. Mit seinem 1999 gegründeten West-Eastern Divan Orchestra spielte er vor dem Papst, der UN und in Ramallah.

Daniel Barenboim ist eine überlebensgroße Erscheinung. Seine Biographie in den Programmheften der Berliner Staatsoper füllt vier ganze Seiten. Das Orchester selbst kommt mit zweien aus, die meisten Solisten mit einer.

Barenboims Leben und Leistungen nötigen Respekt ab und flößen Ehrfurcht ein. Sie haben ihn aber auch in eine Sphäre katapultiert, in der ihm kaum jemand auf Augenhöhe entgegentritt, in der es kein Korrektiv mehr gibt.«

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Auch die SCHLAGLICHTER haben sich ausführlich mit Barenboim befasst, vor allem mit seinen politischen Aktivitäten. Wir machten dabei eine ähnliche Erfahrung wie die VAN-Redakteure: »Die Mehrheit dieser Quellen sprach mit uns unter der Bedingung von Anonymität und begründete dies mit der Angst vor negativen beruflichen Folgen.«

 

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