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Feuilleton

»Der Mensch lässt sich nicht beliebig zurichten«

(Martin Beglinger, Jörg Baberowski, NZZ)

Vom Linken zum Liberal-Konservativen

»Freiheit endet da, wo der Staat für das Glück der Bürger sorgen will, sagt Jörg Baberowski. Im Gespräch erzählt der Berliner Historiker, wie er vom Linken zum Liberal-Konservativen wurde.«

Herr Baberowski, Sie standen früher links, warum heute nicht mehr?

Als Schüler war ich von marxistischen Theorien fasziniert. Als Student der Geschichte wurde ich jedoch mit den Resonanzböden konfrontiert, auf denen Ideen schwingen. Das sowjetische Experiment hatte das Leben von Millionen zerrüttet, und ich verstand nun, dass der postsowjetische Konservatismus der Gegenwart eine Wirklichkeit ist, die aus der Erfahrung der Verunsicherung und der Unordnung kommt. In den neunziger Jahren war ich oft in Russland und habe gesehen, was Chaos im Leben bewirken kann. Freiheit und Ordnung sind keine Gegensätze. Ordnung ist der Grund, auf dem die Freiheit gedeiht. Konservative wissen das. In Russland weiss es jeder.

Welche Folgerungen haben Sie daraus gezogen?

Ich habe mich von allen sozialtechnologischen Vorstellungen abgewandt und von dem Gedanken verabschiedet, man könne die Menschen gleich machen und eine schlechthin perfekte Gesellschaft schaffen. Der Mensch ist aus krummem Holz geschnitzt, er kann sich jederzeit gegen die selbstgegebenen Regeln der Vernunft entscheiden.

Heute bezeichnen Sie sich als liberal-konservativ. Warum?

Weil ich glaube, dass es nicht die Aufgabe des Staates ist, für das Glück oder die Perfektion der Bürger zu sorgen, sondern, einen Raum zu schaffen, in dem die Verschiedenen sich in der Kultur der höflichen Nichtbeachtung einrichten können. Von Möglichkeiten kann aber nur Gebrauch machen, wer geschützt ist, also in Anspruch nehmen kann, was er will. Die liberale Ordnung lebt von ihrer Erzwingbarkeit. Man kann überhaupt nicht liberal sein, ohne auch einzugestehen, dass Freiheit auf Voraussetzungen beruht. Es sollte den Staat nichts angehen, was seine Bürger denken oder wie sie ihr Leben einrichten. Aber er muss die Bedingungen so einrichten, dass die Bürger allen Widrigkeiten zum Trotz ihr Leben leben können.«

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