Feuilleton

Der Große Irrtum

(Karl-Peter Schwarz, Kairos)

Schiffbruch mit Großem Steuermann

 Die revolutionären Theorien vergewaltigen die Geschichte, ohne sie zu schwängern
(
Nicolás Gómez Dávila)

»Deutsche und Österreicher, Russen und Chinesen haben eines gemeinsam: aus ihrer Mitte sind die größten Ungeheuer des von Monstern bevölkerten 20. Jahrhunderts hervorgegangen. Die Dimensionen der Verbrechen Hitlers, Lenins, Stalins und Maos überragen bei weitem jene der Verbrechen, die von den auf ihren Spuren wandelnden Sekundär-Monstern begangen wurden: von Mussolini, Pavelić und Antonescu, von Tito, Hoxha und Gheorghiu-Dej, von Rákosi, Dimitrov und Gottwald, von Kim Il Sung, Pol Pot, Ceauşescu, Castro, Che Guevara und ihresgleichen. Stéphane Courtois schätzte die Opfer der totalitären Regime des 20. Jahrhunderts auf rund 125 Millionen. 25 Millionen fielen demnach dem NS-Terror und dem Holocaust zum Opfer, 100 Millionen den verschiedenen kommunistischen Parteien und Regimen. Und die mit Abstand zahlreichsten Verbrechen gehen zu Lasten Mao Tse-tungs.

Beim Maoismus, schrieb Courtois 1997, mache ›die immense Masse von Toten schaudern‹: 65 Millionen seien es in China gewesen, verglichen mit den 20 Millionen in der Sowjetunion. (Courtois 1998: 16) Die ehemalige Rotgardistin Jung Chang machte Mao in ihrer 2005 erschienen Biographie ›verantwortlich für über 70 Millionen Tote in Friedenszeiten – kein anderer politischer Führer des 20. Jahrhunderts reicht hier an ihn heran.‹ (Chang 2005: 17) Frank Dikötter von der Universität Hongkong vermutet, dass die Opferzahlen noch wesentlich höher gewesen sein könnten. Als erster westlicher Historiker konnte er die chinesische Archive aus der Zeit des sogenannten ›Großen Sprungs nach vorne‹ (1958-1962)  konsultieren, die von den Behörden vor den Olympischen Spielen in Peking geöffnet wurden (Dikötter 2010). Während Jung Chang für diese vier Jahre noch ›fast 38 Millionen‹ Opfern von Hunger und Überarbeitung ausging, kam Dikötter in seiner im September 2010 erschienen Studie auf 45 Millionen, von denen zwei bis drei Millionen mit Stöcken zu Tode geprügelt, gehängt oder bei lebendigem Leib verbrannt wurden. Er führt unter anderem den Fall eines Mannes aus Kanton an, der gezwungen wurde, seinen eigenen Sohn lebend zu begraben, weil er eine Handvoll Getreide gestohlen hatte. Die Hungerkatastrophe, sagt Dikötter, sei nicht bloß das Ergebnis eines wirtschaftspolitischen Debakels gewesen, sondern als politische Waffe eingesetzt worden. Einigermaßen stichhaltige Aussagen über die Bilanz des maoistischen Terrors in China würden sich solange nicht treffen lassen, als die Akten der Jahre nach 1949 und besonders auch jene der Kulturrevolution unter Verschluss gehalten werden. Aber dass Mao der größte Massenmörder in der Geschichte der Menschheit war, steht für den Historiker fest.

Wer Mao unterstützte, und das tat ich, machte sich mitschuldig. Von ehemaligen Maoisten kann verlangt werden, was zu Recht von ehemaligen Nationalsozialisten verlangt wird: dass sie wenigstens Auskunft geben über ihre persönliche Verstrickung in (Selbst-) Täuschung, Anmaßung und Niedertracht.«

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