Deutschland

Der diskrete Charme des Rufmords

(Alexander Wendt, Publico)

Merkmale einer neoautoritären Gesellschaft

»Im Feldzug gegen den geschassten Leiter der Stasi-Gedenkstätte Hubertus Knabe findet eine bemerkenswerte politisch-mediale Allianz zusammen. In der Affäre geht es längst nicht mehr nur um einen lästigen Historiker.

Die Kampagne gegen den beurlaubten Leiter der Stasi-Gedenkstätte Hohenschönhausen Hubertus Knabe trägt exemplarische Züge. Seit Ende vergangener Woche kursieren nun – wohlgemerkt, nachdem er von dem Linkspartei-Kultursenator Klaus Lederer beurlaubt und ihm seine Entlassung angekündigt wurde – anonyme Sexismus-Vorwürfe gegen den Wissenschaftler selbst. Bisher hatten ihm seine Gegner nur vorgehalten, er hätte übergriffiges Veralten seines früheren Vize geduldet. In dem Feldzug gegen Knabe finden sich alle Merkmale einer neoautoritären Gesellschaft mit entsprechender Medienbeteiligung, die deutsche Medien und Politiker sonst üblicherweise in Polen und Ungarn entdecken.

Der Historiker Knabe gehört mit seinen Veröffentlichungen schon lange zu denen, die sich die tiefe Feindschaft eines bestimmten Milieus redlich verdient haben. Mit seinem Buch „Der diskrete Charme der DDR. Stasi und Westmedien“ demontierte er die Legende, die Staatssicherheit sei eigentlich nur jenseits der Mauer gesellschaftslenkend tätig gewesen. In seinem Buch, erschienen 2001, dokumentierte er penibel anhand von Stasiakten und entsprechenden Publikationen, wie bereitwillig sich viele Medien im Westen von der Staatssicherheit mit Material und Gerüchten versorgen ließen. Knabe wies außerdem immer wieder darauf hin, dass trotz vierfacher Umbenennung immer noch eine rechtliche Kontinuität zwischen SED und Linkspartei herrscht. Bis heute blieb es sein Thema, wie die Reste des DDR-Apparats sich nach 1990 häuteten, umformten und weiterwirkten. Den möglicherweise heftigsten Zorn zog er sich zu, als er 2016 – als erster Historiker überhaupt – die MfS-Akte der heutigen Chefin der Amadeu-Antonio-Stiftung Anetta Kahane analysierte, die dem DDR-Geheimdienst bis 1982 als Inofizielle Mitarbeiterin „Victoria“ diente. Dazu gleich mehr.«

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