Deutschland

Das Siechtum der SPD

„Als Historiker kann ich nur sagen, es kommt nichts zurück“

(Hans Monath, Der Tagesspiegel) »Herr Professor Rödder, Sigmar Gabriel hat kürzlich geklagt, die SPD verliere so viele Wähler, weil sie zu sehr auf postmoderne Themen setze. Ist die Postmoderne ein politisches Phänomen?

Definitiv. Entstanden ist die Postmoderne in universitären Seminaren in Paris und im kalifornischen Berkeley in den 80er Jahren. Was auf den akademischen Höhenkämmen debattiert wurde, sickerte dann in die Breite westlicher Gesellschaften durch. CDU-Generalsekretär Peter Tauber hat vor einigen Jahren gesagt, in seiner Partei gebe es zu viele weiße, alte Männer. Mit diesem Jargon hätte er auch in einem Seminar der feministischen Theoretikerin Judith Butler in Berkeley Erfolg haben können …

Was ist die Hauptthese der Postmoderne?

Die hat der französische Philosoph Jean-François Lyotard formuliert: Die „große Erzählung“, so sagte er, habe ihre Überzeugungskraft und ihre Verbindlichkeit verloren. Gemeint sind die großen Ordnungsentwürfe der klassischen Moderne seit dem 19. Jahrhundert, nämlich das Fortschrittsdenken der Aufklärung oder Hegels Vorstellung, dass die Weltgeschichte auf ein bestimmtes Ziel zulaufe. Gemeint sind ebenso die Geschlechterordnung der bürgerlichen Moderne mit der Rollenaufteilung zwischen Mann und Frau oder die Vorstellung der Nationen als natürlicher Institutionen. Es betrifft die Geschichte, es betrifft die Vorstellung vom Westen. Die Postmoderne hat große und wirkungsmächtige Denkgebäude erschüttert.

Die These Gabriels lautet: Die Wähler rechtspopulistischer Parteien sind keine Anti-Modernisierer, sondern enttäuscht von der Postmoderne, die Zusammenhänge auflöst. Trifft er damit einen Punkt?

Gabriel trifft nicht den einzigen, aber er trifft einen wichtigen Punkt. Was die Postmoderne bewirkt hat, nannte der Historiker Zygmunt Bauman einmal die „Zerschlagung der Gewissheit“. Nun stellt sich aber die Frage: Was gilt, wenn das Alte nicht mehr gilt? Gabriel hat genau auf diese grundlegenden Orientierungsprobleme aufmerksam gemacht.

Was tritt an die Stelle des überwundenen Alten?

Das ist die entscheidende Frage. In den 80er Jahren haben viele die Auflösung der Gewissheit als Befreiung empfunden. Lyotard stellte die These auf, die Postmoderne habe nicht nur die Ganzheit zugunsten von Pluralisierung überwunden, sondern auch die Sehnsucht nach Ganzheit überwunden. Das war sein entscheidender Irrtum.

Warum?

Hier weiterlesen

 

1 Kommentar

  • Deutsche Politiker sind nur noch beschäftig zu vertuschen und arbeiten dran wie man mittels Sprachverwurstelung die Pleite als Erfolg darstellen kann.